Wem glauben wir?

Angeregt durch den Text auf kleinerdrei „wem wir glauben“ hab ich mir auch mal meine Gedanken gemacht und versucht aus meinem Kopfzahlenchaos etwas Allgemeineres zu formulieren. Etwas, was für alles anwendbar ist.
Und eigentlich ist es auch nichts neues, aber ich halte es dennoch mal fest ;o)

Wem glauben wir?
Wir glauben der Person der wir glauben wollen
– Weil es für uns bequem ist
– Weil wir keine Außenseiter sein wollen
– Weil wir unser „Bild“ von der Person nicht ändern müssen oder wollen
– Weil wir uns sonst z.B. eingestehen müssten, eine Person gut zu finden, die strafbar gehandelt hat, die frauenfeindlich, rassistisch, brutal etc. ist
– Weil die Person ein größeres Standing hat

Das meiste ist einfach. Klar sind wir gern bequem, und wer gesteht sich schon ein dass er/sie Musik/Film oder was auch immer von einer Person gut findet, die eigentlich ein totales Arsch ist, bzw. sein könnte.
Das Schwierige ist die Sache mit dem Standing.
Wie „errechnet“ sich das Standing, wie kommen wir zu unserem Urteil wer welches Standing hat?

Wir denken alle mehr oder weniger bewusst in Kategorien, auch wenn wir es eigentlich nicht wollen, aber ganz aus dem Weg gehen können wir dem Schubladendenken nicht, irgendwo ganz tief in uns drin ist es und blitzt manchmal doch stärker durch als wir uns eingestehen wollen.
Wir geben allen Menschen in irgendeiner Form so etwas wie „Glaubwürdigkeitspunkte*“. Wir checken blitzschnell ganz viele Eigenschaften ab, legen eine Art Raster an und teilen der Person einen nicht genau fassbaren Wert zu. Das Raster ist nicht greifbar und ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Es ist geformt von unserer Biographie, unserer Umgebung, der Gesellschaft in der wir leben.
Die Medien benutzen diese Raster ebenfalls, und bedienen gleichzeitig die vermutlichen Raster ihrer Leserschaft bzw. der Gesellschaft. Und so sind die Ergebnisse nach aussen hin oftmals eindeutig.

Und so schütteln die meisten den Kopf, denken sich ihren Teil und gut ist. Sie wollen nicht auffallen und sich keine Gedanken machen. Und da kommt wieder die Bequemlichkeit ins Spiel.

Nur wenige haben den Mut und die Kraft und das Rückgrat sich gegen den Strom zu stellen.
Nur wenige versuchen die eingefahrenen Denk- und Einteilungsmuster zu durchbrechen, denn dies ist nicht leicht, und es muss einem erstmal klar sein, ob man selber das Kriterium setzt – oder es einfach annimmt.
*
Ich habe versucht einzelne Kategorien wie Geschlecht, Rasse, Alter, Beruf etc. mit Zahlen bzw. Wertigkeiten zu füllen, und es war furchtbar.
Ich habe einfach mal willkürlich aus meiner Lebenserfahrung heraus Wertungen vorgenommen, die meiner Meinung nach tendenziell der Allgemeinheit nahekommen. Eine Person wurde so immer mehr zu einer Zahl und diese Zahlenjongliererei ist erschreckend. Ich mag diese Bewertungen nicht.
Ist „weiß“ mehr wert als „schwarz“, „berühmt“ mehr als „nichtberühmt“? Bekommt „Mann“ 10 Punkte und „Frau“ 2?
So bekommt ein weißer, berühmter Mann schon soviel Punkte, dass man ihm praktisch glauben muss. Eine Frau kommt erst dann in einen glaubwürdigen Bereich, wenn sie weiß, berühmt, reich und hübsch ist, und der Mann dagegen ein schwarzer, dummer Schwerverbrecher. Und selbst dann hängt es daran, wieviel Punkte die einzelnen Kategorien wert sind und welche Tat zugrunde liegt.
Und ich fühle mich unwohl, alleine weil ich überhaupt angefangen habe so mit Zahlen zu spielen…

Und weil ich irgendwie für mich selber auf so wenig Punkte komme….

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