Wie ich zum Fußball kam – und wieder ging

Fußball, das war WM und EM, auf ausgeliehenen Fernsehgeräten, lange in schwarzweiß.
Fußball, das waren Anfang und Mitte der 80er die großen Jugendlichen, die den HSV bejubelten und draußen manchmal Schlachtgesänge anstimmten.
Fußball, das war der erste eigene Lederfußball, in orange und grün. Gehegt und gepflegt über Jahre.
Fußball, das waren die Erzählungen der Eltern, die schon als Kinder gern beim Fußball waren und in den 70ern auch manchmal beim HSV.
Der HSV war weit weg, St.Pauli war weit weg.
Später erzählte mein Vater von prügelnden und betrunkenen HSV-Fans, von Randale in Zügen und viel Ärger und Stress.
Fußball gab es für mich nur zu EM und WM.
Mein erstes Panini Sammelheft gab es zur WM90 glaub ich.

Irgendwann in der Zeit bekam mein Vater zwei Karten für den HSV geschenkt. Und gab sie mir. Und so bin ich mit einer gleichaltrigen Bekannten das erste Mal in meinem Leben im Stadion gewesen.
An das Fußballspiel erinnere ich mich nicht mehr. Nur noch an viele viele große Menschen mit viel Bier. Viel Gestank. Viel Lärm.
An blaue Flecken durch das Gedrängel und eine Uhr mit Sprung im Glas.
An Randale und Pöbelei auf dem Bahnhof, so dass ich über Umwege nach Hause gefahren bin.
Und ich erinnere mich, dass ich nie nie nie wieder einen Fuß in ein Stadion setzen wollte. Never ever.

Ja, das dachte ich. Ernsthaft.

Und einige Jahre später, 1993 oder 1994 schenkte uns ein Bekannter Karten für St.Pauli. Es sei anders dort sagte er, wir sollten es uns einfach anschauen, wir würden Fußball doch mögen, dort wäre es ruhiger, witziger, alternativer, links, keine Hools usw.
Und so pilgerten meine Eltern und ich eines warmen Sommertages zum Millerntor.
Und an dem Tag kaufte ich mir eine Dauerkarte.
Der Beginn eines 10 Jahre andauernden Fussballfandaseins. Meine Eltern kauften sich keine Dauerkarten, waren aber sehr sehr oft ebenfalls im Stadion. Wir standen immer an derselben Stelle, kannten bald die Leute um uns rum vom Sehen und der nette alte Herr neben mir begleitete mein erstes Jahr mit fachkundigen Kommentaren und einer sehr sehr herzlichen Art beim Torschrei zu umarmen OHNE übergriffig zu werden.
Ich fühlte mich dort wohl. Es war witzig, alternativ, gewaltfrei, ruhig, links, ich konnte das Spielfeld sehen und selbst verirrte HSV-Fans wurden gewaltfrei aus dem Stadion komplimentiert. Irgendwann im zweiten Jahr war der alte Herr nicht mehr da, keiner wusste was aus ihm geworden war, und so zog ich um, zu Mitschülerinnen, die im Block hinterm Tor standen. Das war dann schon eine andere Welt. Zugedröhnt, bekifft, beim Torjubel gabs schonmal blaue Flecken, eklig klebrige Bierduschen, und gesehen hab ich meistens nicht viel. Wir Mädels zogen uns mit der Zeit etwas raus, standen am Rand des Blocks, und so verging Spiel um Spiel.
Wir schwänzten Schule für Auswärtsfahrten, die Montagabendspiele brachten uns öfters Ärger ein, da wir den Nachmitagsunterricht schwänzen mussten um püntklich im Stadion zu sein, das SchöneWochenendTicket war unser „Freund“ und oft waren auch meine Eltern mit. Weitere Fahrten machte ich meistens alleine, einmal im Jahr hatte ich eine Freifahrt der Bahn und konnte so Ende des Jahres schonmal weiter weg wenn es sich ergab. So war ich u.a. in Kaiserslautern, Duisburg, Bremen, Hannover, Uerdingen, Wattenscheid, Rostock… Meistens warm empfangen von den einheimischen Fans und der entspannten Polizei. Mit netten Worten, Polizeitaxiservice, extra geöffneten Edekas, geschenktem Bier – kurzum, ich hatte nie schiss allein mit Paulischal in der Stadt zum Stadion zu gehen.
In Bremen war das schon anders, wenn schon am Bahnhof eine Masse an Polizisten in Kampfklamotte und mit vielen vielen wie irre bellenden Hunden auf einen wartet.

Und dann gab es noch Rostock. Ein legendäres Spiel. Meine Eltern und ich sind mit einem Leihwagen hingefahren, ohne hamburger Kennzeichen. Wir waren komplett neutral. Und wir saßen in der Gästekurve wie gefangen. Es flogen Bänke, Steine, Flaschen, uns schlug der blanke Hass entgegen. Ich werde den Moment nie vergessen als ein Polizist hinter uns mehr als beunruhigt um Verstärkung bat weil „unsere Jungs nehmen unser Stadion auseinander, das geht nicht gut“. Auf dem Platz gab’s Ärger, unser Torwart wurde mit Rauchbomben und Böllern beworfen, auf den Rängen herrschte Krieg… Wir waren so clever und sind etwa 10 Minuten vor Abpfiff geflüchtet. Bloß weg. Um sich danach zu verfahren und quer durch Rostock zu irren. Mit Rostocker „Fans“ überall. Mit Hass überall. Die wenigen hamburger Fans die mit der Bahn kamen wurden mit gepanzerten Bussen zum Bahnhof gefahren und während der Fahrt attackiert. Mit Steinen, Latten, Eisenstangen wurde versucht die Busse zu stürmen. Während der Fahrt aus Autos heraus, an Ampeln. Und all das ungestraft. Das Spiel wurde nicht abgebrochen, obwohl kaum sicheres Spielen möglich war und ich erinnere mich auch nicht, dass irgendwelche Folgen für den Verein aus dem Ganzen entstanden wären.
Da bekam mein Fussballfandasein erste Risse. Weil ich nicht verstand was da passierte, weil das für mich nicht vereinbar war mit meinem Fandasein und mit dem Sport.

Ich verbuchte es als Ausnahme.
Ich ging alle zwei Wochen ins Stadion, irgendwann nicht mehr hinters Tor, sondern auf die Gegengerade. Mal mit, mal ohne meine Eltern. Auch sie hatten zeitweise eine Dauerkarte. Wir hatten dort einen Kreis mit Leuten die sich immer wieder an derselben Stelle traf. Über Jahre. Man kannte sich ein wenig, plauderte, sah das Spiel – und ging wieder auseinander „bis in 2 Wochen dann“…
Ich las jeden Montag den Kicker, wir tippten Fußball jedes Wochenende, ich hatte eine Weste und einen Fußball mit allen Unterschriften. Bettwäsche, Handtücher, Mütze, Schal, Socken, Schlüsselanhänger. Ich war Vereinsmitglied. Ich versäumte in den 10 Jahren 2 oder 3 Heimspiele.
Ich ging mehrfach im Jahr zum HSV, in die Gästekurve versteht sich. Wenn kein Topspielzuschlag fällig war. Die 5 Mark für ne Karte hatte ich immer mal über, oftmals kamen die Mädels mit, später nur noch meine Eltern. Ich war sogar beim Spiel HSV gg. Celtic Glasgow.
Ich erlebte Aufstieg und Abstieg, Heldentaten auf dem Rasen und komplettes Versagen. Ich sah Standfussball und irre spannende Spiele. Brütende Hitze mit Sonnenbrand und Cola und Schneeregen mit langer Unterhose, zwei Paar Socken und Glühwein.
Wir waren Fans ohne rosarote Brille, die ihre eigene Meinung nicht am Stadioneingang abgegeben hatten.
Ich drückte dem BVB in der ersten Liga die Daumen, und St.Pauli in der zweiten. Das ging damals noch.

Und irgendwann, nach gut 10 Jahren ebbte das Fieber ab. Schnell ab. Sehr schnell ab.
Es war nicht mehr wie es mal war.
Es war organisierter im Stadion. Die Fans hatten erste Vorturner, geplante Gesangschoreographien entstanden, Fangruppierungen arbeiteten eng mit dem Verein zusammen.
Es wurde hip und cool bei St.Pauli zu sein.
Erste aggressivere Stimmungen tauchten auf, vielleicht hatte ich sie vorher nur nicht bemerkt, aber plötzlich bemerkte ich sie. Und nicht nur ich. Unser kleiner Kreis am Zaun wurde immer unzufriedener, wir fühlten uns immer weniger wohl. Irgendwie gefiel uns das nicht. „Dortmund ist scheisse, Dortmund ist Dreck – eine Bombe und Dortmund ist weg“ wollten wir nicht hören. Ein enttäuschtgenervtes „Och Schiri, neiiin, du Sack/Arsch/Penner“ ist was anderes als ein geiferndaggressives „Du hohler Wixer/Hurensohn/Schwule Sau, wir kriegen Dich“, verbunden mit Bierduschen, Feuerzeugwürfen und wüsten Drohungen.
Egal was der Verein machte, was die Spieler machten – es war gut und wurde gefeiert, und die Spieler und Trainer wussten das und benahmen sich dementsprechend. Immer kritikloser, immer zugedröhnter, immer aggressiver wurde es. Immer häufiger gab es Krawällchen und Randälchen und das nicht mehr nur noch bei ausgewählten „rechten Gästefangruppierungen“.
Einen gegnerischen Spielzug als gut zu bezeichnen und Fehler eigener Spieler/Trainer anzusprechen wurde nicht mehr geduldet. Man wurde niedergebrüllt, als Nichtfan bezeichnet. Und man hätte sich zu verpissen wenn man nicht alles genauso gut finden würde wie die Ecke, die die Stimmung machte.
Stimmung entstand nicht mehr irgendwo irgendwie in einer Kurve und schwappte durchs Stadion – sie entstand an einer bestimmten Stelle. Vorbereitet, geplant, gelenkt. Wie es überall in den Stadien Mode wurde und bis heute ist.
Mit dieser Manipulierbarkeit und Gleichmacherei der Fans habe ich ernsthafte Probleme, ging mir das damals nur auf den Sack und engte mich ein – sehe ich das heute kritischer und mit einem besorgten Auge.

Die letzte aktive Saison flüchtete ich in die Gästekurve (unser Kreis am Zaun in der Gegengeraden hatte sich auch mehr oder weniger aufgelöst). Dort versammelten sich einige der ruhigeren Fans, die mehrheitlich Fußball schauen wollten, gern mit nem Bierchen oder Kaffee. Durchaus auch mal mit nem Plausch mit Gästefans.
Aber es wurde nicht mehr was es mal war, und mich ekelten die Alkohol- und Grasleichen im Zug und ums Stadion immer mehr an.
Sicherlich war und ist es bei St.Pauli immer noch etwas anders und nicht „ganz so schlimm“ wie bei anderen Vereinen, möglicherweise ist wie Wortwahl etwas milder als in anderen Vereinen – aber die Zeit ist sicher nicht spurlos an St.Pauli vorbeigegangen. Das Millerntor ist keine idyllische Insel.

Ich erkannte zudem, dass der Profifußball ein verlogener, schmutziger Wirtschaftszweig ist, mit Lobbyismus, großen Worten und viel Geld. Daran wollte ich nicht teilhaben, das waren mir meine sauer verdienten Euros nicht wert.

So trat ich aus dem Verein aus und hatte das Thema Fußball für mich abgehakt.
Kein Verfolgen mehr der 1. und 2. Bundesliga.
Keine blinde Tabellenkenntnis mehr, keine Wetten.
Ich wollte mit dem Thema Fußball nichts mehr zu tun haben.
Das Kribbeln, wenn ich am Millerntor vorbeikam war weg.

Natürlich hab ich alle WM und EM seitdem verfolgt. Aber es berührt mich alles nicht mehr so. Zu glitzernd, zu durchzogen von Interessen und Machtspielchen irgendwelcher Funktionäre. Zu viel Show, zu viele Eitelkeiten irgendwelcher Millionäre auf dem Platz.
In der Bundesliga gewinnt wer genug Geld hat sich die besten Spieler kaufen zu können.
Ganze Vereine wurden gekauft, Spieler gleich dazu.
Es gewinnt idR der Verein mit dem besseren Standing.
Oder der, der die Gunst der Schiedsrichter hinter sich hat.

Nach gut 8 Jahren Pause höre ich mittlerweile wieder jedes Wochenende Bundesliga im Radio.
Ich tippe mit einigen Bekannten die Spielergebnisse. Manchmal fachsimpeln wir. Und manchmal ist es auch ganz spannend.
Aber das Herz bleibt unberührt, auch wenn ich dem lokalen Verein die Daumen drücke (ein Verein in Hamburg muss ja in der 1.Liga bleiben) bin ich kein Fan.
Bei meinen Eltern ist die Fußballliebe mittlerweile komplett erloschen, sie haben nicht mal mehr die letzte WM so wirklich verfolgt.

Und ich bin oft erstaunt und irritiert, wie vorbehaltlos erwachsene Menschen „ihren“ Verein sehen, wie wenig Humor sie haben wenn es um ihren Liebling geht. Und wie sie „ihren“ Spielern blind jede Vereinsliebesbekundung glauben. Alles an ihrem Verein ist gut, besser als bei allen anderen, ihr Verein ist die glorreiche Ausnahme unter all den versumpften anderen. Und natürlich ist der Schiri meistens gegen den Verein.

Ganz ganz manchmal, wenn der Wind gut steht, höre ich den Stadionsprecher und die Jubelrufe (oder das Aufstöhnen) der Fans vom HSV.
Und dann kommen da für einen Bruchteil einer Sekunde nochmal das Kribbeln und eine Sehnsucht, manchmal auch ein Tränchen.

Und gleichzeitig weiß ich, dass ich nie wieder einen Fuß in ein Stadion setzen werde.
Und das ist gut so. Und ich lächle.

Grand Prix…

Mein erster bewusst wahrgenommener GP war der mit Guildo Horn.
Ende der 90er. Im Studentenwohnheim.
Große Feier, viel Bier, viel Gegröle, Wetten.
Sehr befremdlich alles. Sehr surreal alles.
Mittelprächtige bis schlechte Musik in miesem Ambiente – aber feiern.
Und das war jedes Jahr. Jedes Jahr zum GP feierte praktisch der ganze Flur eine große Party.

Meine GP-Erinnerungen die ich habe, nach Guildo Horns Gehopse, sind rar.
Es war Thema meines Einstellungsgespräches nach dem Abbruch meines Studiums.
Es war der ablenkende Lichtblick in einem viermonatigen Klinikaufenthalt.
Es war die Blaulichtfahrt in die Notaufnahme der Uniklinik

Ich habe immer wieder versucht den GP zu schauen. Vielleicht finde ich ja mal gut was ich da sehe. Vielleicht verstehe ich ja mal den Hype…
Und – nein. Nein, ich verstehe ihn nicht.
Es ist mir ein Rätsel, wie jedes Jahr sogar Fanmeilen voller Menschen entrückt grölen und kreischen und eine tolle große Party feiern. Mit Deutschlandfahnen. Wie bei einer WM.
Menschen, die diese Musik normalerweise nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden.
Menschen, die das alles voll peinlich und schrecklich finden – und da ein Bier drauf trinken und dann wieder grölend in der Masse abtauchen.

Schon die Vorentscheide sind seit Jahren ein Event, als ob es dort um Leben und Tod der Musikszene gehen würde. Als ob der GP der Türöffner und das große Heilsversprechen wäre.
Sry Leute, aber der GP ist sowas von Banane.
Kaum einer erinnert sich an die Sänger und Lieder dort.
Wegen Banalität aus der Erinnerung gelöscht. Wie kann jemand, der ernsthaft Musik betreiben möchte, dort ernsthaft auftreten wollen und sich sogar was davon versprechen?
Was bedeutet denn ein GP-Sieg? Einige Wochen Fame? Einige verkaufte Platten? One-Hit-Wonder, wenn überhaupt? Einmal „der Stolz Deutschlands“ sein zu dürfen? Die, die nach dem GP „etwas“ erreicht haben sind relativ wenige…

Vielleicht war die Entscheidung A.Kümmerts überhaupt zu dem Vorentscheid zu fahren falsch.
Vielleicht war es auch gut dass er hingefahren ist.
Vielleicht hätte er früher die Reißleine ziehen sollen, aus „Fairness“ den anderen Kandidaten und Kandidatinnen gegenüber.
Vielleicht war es aber auch gut so wie es war.
Vielleicht hätte wäre wenn falls ob und überhaupt.
Es ist egal. Er hat sich gegen den Zirkus, den er kurz betreten hat, entschieden.

Vielleicht hätte er Chancen gehabt den GP zu gewinnen.
Vielleicht wäre er komplett untergegangen.
Auf alle Fälle hätten er und die ganze GlitzerParty nicht zusammengepasst. Und das scheint ihm klar geworden zu sein.

Und es ist scheissegal was das Partyvolk davon hält.
Und es ist scheissegal was die Presse davon hält.
Und es ist scheissegal was ich davon halte.
Und es ist scheissegal was Du davon hältst.

Denn ist ganz allein seine Sache.
Seine Entscheidung.
Und wenn er so damit schlafen kann und in den Spiegel schauen kann dann war es gut.
Für ihn.

Und das erste Mal freue ich mich beim Thema GP. Weil da jemand sein Ding durchgezogen hat und drauf geschissen hat was die heile Welt will.

DAS wird etwas sein, was ich nicht vergessen werde und zu den wenigen Erinnerungen „Grand-Prix“ hinzufügen werde.
Mit einem breiten Lächeln.

Danke dafür.