Drecksismus (2)

Eine Sammlung kleinerer Bemerkungen/Sprüche der letzten Monate, wie sie teilweise ähnlich auch mehrmals stattgefunden haben. Soweit nichts dabeisteht sind es ausschliesslich Sprüche von einer Gruppe von Männern. Zu den Sprüchen kommt mehr oder weniger passendes Altherrengelache oder bestätigendes wiederholendes Gemurmel. Am Besten passt es, wenn mensch sich eine Runde Herren beim Bier im Gasthaus vorstellt.

Bei der Lootvergabe:
X: „Der Ring leuchtet so rot“
Y: „Der ist für Frauen, nix für dich“
Z: „Ach, Frauen Ringe andrehen wollen und sich lustig machen, aber selber Kleider tragen“
(Anmerkung: Y ist männlich, spielt einen männlichen Charakter der eine Robe (also ein Kleid) trägt.)

Zu einer Frau die gerade etwas schlecht zu verstehen war:
„V., sprich doch mal lauter und deutlicher, nimm mal den Dildo aus dem Mund“

Es ging um den wiederholten Lottogewinn eines britischen Paares.
„Die Briten haben wohl mit der Lottofee geschlafen“
„Kommt drauf an wie die aussieht“

Motivationssprüche des Raidleiters vor Kampfbeginn
„los, lasst uns den Boss umhauen“
„besorgt es ihr richtig dreckig“
„rutscht da mal ordentlich drüber“

„Los D, gib es ihr dreckig, so richtig heftig, da geht noch mehr“
„Ähm, Z ist da“
„ja und?“
(Anmerkung: Z ist die Partnerin von D)

„Bei Mädchen ist das süß wenn sie klein sind, bei Jungs ist das irgendwie unmännlich“
„Kommt auf das Mädchen an“
(Anmerkung: es ging um Kleinsein, Gnome etc. eine kleine zierliche Spielerin „verteidigt“ das Kleinsein)

Tank1 zu Tank2 während des Kampfes (weiblicher Boss):
„Lass die Olle laufen, die is eh zu fett“
„Ey, die dumme Schlampe nervt ey“

„WoW im Farbenblindmodus ist Mädchenwow“
(Anmerkung: WoW im Farbenblindmodus ist sehr seltsam lilarosakontrastlos)

„Ich hab das nun mehrfach angesagt hört ihr nicht zu?“ (weibl. Spielerin)
„Wenn eine Frau im Try redet können wir nicht spielen, das ist so als würden wir „Schuhe Schuhe Schuhe“ sagen, dann könntet ihr auch nichts.“
„Wenn wir einer Frau zuhören muss sie vorher „feucht“ oder „Brüste“ sagen, dann hat sie unsere Aufmerksamkeit. Aber dann geht das Blut schnell aus dem Hirn woanders hin, also viel labern sollte sie dann ned, sonst hören wir ja wieder nicht mehr zu weil wir anders beschäftigt sind“.

„wir sind der Mülleimer Europas… wir nehmen jeden scheiss auf, die anderen nur das nötigste … die machen sich hier nur breit“

„Man, ich will keine Frauen mehr im Raid, Frauen im Raid sind scheisse“

„Schon wieder ne Frau, mir sind das langsam zuviele hier“

„Der will keinen weiblichen Mitspieler in seinem Team, der will das Niveau doch halten“

„Gnome sind doch super so klein, das perfekte Standgebläse, die weiblichen zumindest.“

„mehr kuscheln, enger zusammen“
„eng ist geil“

„Ihr seid keine Frauen mehr – ihr werdet befördert zu Würmern“

1: „sich nachts an seiner schlafenden frau zu vergreifen zählt nicht als 6“
2: „es ist keine vergewaltigung wenn sie nicht nein sagen KANN?“
3: „da wehrt die sich wenigstens nicht“

Zu den letzten hatte ich mich schonmal hier im Blog geäussert.

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Drecksismus (1)

Tja, was soll mensch dazu sagen…

Situation: der Raid prügelt sich mehr oder weniger erfolglos mit einer Gruppe, die Hälfte der Gruppe war gestorben und läuft gerade wieder zum Kampfgeschehen.
Raidleiter (ebenfalls auf dem Weg): „Die sind ja immer noch nicht tot, kämpft ihr wie Mädchen?“
Ich: „Dann wären sie schon tot“
Person X: „Badumm tssss“.
Soweit das Gespräch im Voice-Chat.
Auf das „Du kämpfst wie ein Mädchen“ reagiere ich IMMER mit „dann wär der Mob längst tot“. Immer.
Ein Bekannter und ich stellen dann jedesmal wieder fest, dass keiner der Anwesenden das ganze versteht.^^

Ich habe dann Person X angeschrieben und es entstand folgender Textchat:

ich: „So blöde Sprüche kann man sich gepflegt schenken“
x: „xD, meint er nicht so“
ich: „und? ist trotzdem unnütz. aber darüber muss man nicht diskutieren, priviliged point of view…“
x: „priviliged PoV würde eine tatsächliche Einstellung der Überlegenheit benötigen, die hier IMHO nicht gegeben ist *schulterzuck*“
ich: „nope, sondern einfach ein „nicht sehen können“. haben wir alle in irgendeiner form, is normal“
x: „das ist cognitive bias, ned pov“
ich: „was unterscheidest Du [ich hatte ned verstanden was er mir sagen wollte], im endeffekt auch egal, ich find so Kommentare, egal ob unterbewusst oder bewusst – einfach doof. ebenso wie „schwuler boss“ oder so.“
x: „ich unterscheide subjective unterbewusste entscheidungen die durch erfahrungen beeinflusst werden (cognitive bias) und objective sichten auf gleiche Dinge (pov). pov ist nicht subjektiv, sondern nur abhängig vom blickwinkel.“
ich: „ok, jopp.“
x: „und ich hab ein problem mit sowas wenn ich davon ausgehen muss das die person das ERNST meint, und nicht nur einfach daherquatscht ausm sprachgebrauch. das eine ist ein problem“
ich: „das andere auch ^^“
x: „das andere ist nur political correctness“
ich: „nope.“
x: „und die interessiert mich nicht. nich bös gemeint, ich bin da inzwischen aus sicht eines mannes echt geschädigt von den powerfeministinnen hier in berlin. das ist nicht mehr schön.“
ich: „joa, deine entscheidung.“
x: „nicht missverstehen, ich bin für gleichberechtigung usw, aber nur um tatsächliche probleme zu lösen, nicht nur der political correctness willen. ich bin nicht schwul, also isses mir egal wenn jemand „schwuler boss“ sagt, ich würds nicht tun, aber nur ein schwuler hat IMHO das recht sich darüber audfzuregen und was zu sagen.“
ich: „jojo, lass es mal gut sein, boss und so.“
x: „kk, ich hab guide geguckt, brauch nur die erklärung nicht, können wir ja mal in ner ruhigen minute drüber quatschen“

Ja… ich glaube diese ruhige Minute werde ich zu verhindern wissen. Mir ist es total egal welcher Fachbegriff „richtiger“ wäre. Ich fand es scheisse. Punkt. Und so eine Einstellung wie der Kerl hat kotzt mich an. Mir war nach seinen ersten Sätzen klar wie es weitergeht, und ich dachte nur „lass es, hör auf, lass gut sein. Neeee, komm, nicht, nein“…

Drecksismus im Raid

Einige Bekannte wollen manchmal gar nicht glauben was ich so wahrnehme im Raid.
Die meisten merken es selber nicht oder halten es für nicht schlimm bzw dummes Dahergelaber.

Interessant ist, dass die „Ungläubigen“ oft aus allen Wolken fallen wenn sie mit den klaren Aussagen im Nachhinein nochmal konfrontiert werden. „Oh, das hab ich wohl überhört“ oder „ne echt, das kann ich mir nicht vorstellen“.

Ich habe mittlerweile ne kleine Zettelsammlung und Screenshots von Situationen und Sprüchen, bei denen ich teilweise denke „was zur verdammten Hölle machen die da, warum bitte sagt keine sau was, das geht gar nicht“. Judenwitze, „Angela Merkel ist der heutige Hitler“, Jugo-Witze (von Österreichern) – alles gab es schon. Und „das muss ja mal erlaubt sein zu sagen, scheiss political correctness“.

Ich weiss, ich bin sehr hellhörig und sensibel was drecksistische Dinge angeht, und ich gehe manchen damit bestimmt auch auf den Sack, aber die guten Reaktionen einiger sehr weniger zeigen mir, dass ich oft nicht so falsch empfinde. Dennoch stehe ich mit meinen Reaktionen immer alleine da, daher halte ich mich mittlerweile oft einfach zurück.
Kleinere „Alltagsdinge“ überhör ich, vieles schlucke ich auch und verbuche es unter „dummer Spruch“, wir hauen uns manchmal schon gegenseitig freche Dinge an den Kopf, auch nicht jugendfreie, da kommen manchmal schon zotigere Sprüche, und da sag ich dann auch mal nix wenns kurzzeitig eventuell mal abgleitet. Solang es nicht zu weit geht ^^

Dein Job soll Dich glücklich machen

Als ich klein war wollte ich Archäologin werden.
Und Runen/Hieroglyphen entziffern. In einem ruhigen dunklen bücherbespickten Raum. Und manchmal auch draußen irgendwelche uralten Teile ausgraben. Später fand ich es reizvoll von oben aus einem Flugzeug auf die Landschaft zu schauen und Spuren vergangenen Lebens zu finden.
Hier in Deutschland gibt es so etwas kaum, was gibt es hier schon auszugraben. Du musst Latein lernen, griechisch und ganz weit weg studieren, vielleicht sogar in einem anderen Land. Und lernen, viel viel lernen.
Ich beließ es dabei.

Als ich klein war wollte ich Lokführerin werden.
In schicker Uniform stolz einen ganzen Zug fahren von A nach B. Wie mein Vater. Ich fand das toll, stundenlang träumte ich davon zu fahren, selber zu fahren.
Eine Frau kann das nicht werden. Als Mann kannst Du notfalls eben mal „hinter die Lok und pinkeln“ – was machst Du als Frau? Und außerdem brauchst du eine handwerkliche Ausbildung dafür, Mechanikerin oder sowas. Und der Schichtdienst, denk daran, das macht auf Dauer keinen Spaß.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich klein war wollte ich den Himmel entdecken, die Sterne und den Mond.
Mit Teleskopen in den Himmel schauen und alles verstehen was ich sehe.
Ich wusste es war unerreichbar, und beließ es dabei.

Als ich klein war wollte ich Lehrerin werden.
Ich liebte meine Grundschullehrerin und fand toll was sie machte. Das wollte ich auch.
Lehrer sind doch die lebensuntüchtigen Versager. Wenn Du Lehrerin wirst wirst Du enterbt.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich jünger war wollte ich mit Büchern zu tun haben.
Um mich herum den ganzen Tag nur Bücher und Menschen die gerne lesen. In einer Bibliothek oder Bücherei. Das fand ich spannend, ruhig und ansprechend.
Die stellen keine Leute mehr ein, und außerdem musst Du erst studieren, und das ist bestimmt langweilig und trocken und öde, und einen Job findest Du dann auch nicht.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich jünger war wollte ich Musik studieren.
Alte Musik. Ich wollte meine Welt ergründen und mich noch mehr tragen lassen. Ich verzichtete darauf das Rauchen zu probieren (Luft ist wichtig) und ich achtete auf meine Finger und Hände. Sie waren unersetzlich für meine Musik. Ich saugte alles auf was ich an Wissen bekommen konnte.
Du musst Klavier spielen können und vorsingen und vorspielen, und theoretische Vorkenntnisse haben.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich jünger war wollte ich Musikinstrumente bauen.
Die Instrumente erschaffen die diese wunderbaren Klänge erzeugen konnten. Aus warmem Holz, mit viel Zeit und Passion.
Du kannst dort kein Praktikum machen, du kannst die Praktikumszeit nicht um eine Woche in den Ferien verlängern. Ach das ist doch nur eine Flause, davon kann man doch nicht leben, und wo willst Du sowas überhaupt lernen.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich jünger war wusste ich, ich wollte niemals im Büro arbeiten.
Und Papier von links nach rechts schieben. Und nett angezogen sein, adrett und immer freundlich.

Als ich jünger war wusste ich, ich wollte niemals heiraten.
Ich wollte allein mein Geld verdienen und frei und unabhängig sein, außerdem würde es eh niemals jemanden geben der mit mir zusammenleben würd.

Als ich mich entscheiden musste verbrachte ich viele Stunden bei der Berufsberatung und wälzte Berufsbeschreibungen. Nur um alles, was reizvoll sein könnte wieder zu verwerfen. Zu teuer, zu eklig, zu weit weg, zu schlechte Noten, zu hässlich…

Als ich mich entscheiden musste wählte ich den Kindertraum und begann auf Lehramt zu studieren.
Ich quälte mich Semester für Semester, völlig desillusioniert und immer wieder mit Flashbacks zurück in die eigene Schulzeit. Das, was ich mir versprochen hatte, das was ich wollte war dort wo ich studiert hatte nicht möglich. Theorie Theorie Theorie – keine Praxis, kaum Pädagogik. Einschränkungen im Denken. Vorgefertigte Lehrmethoden, die diskussionslos zu übernehmen waren.
An einer anderen, kleineren Uni wurden die bisherigen Scheine nicht anerkannt.
Ich nickte, brach das Studium ab und beließ es dabei.

Als ich mich entscheiden musste suchte ich mir einen Ausbildungsplatz und jobbte Übergangsweise im Einzelhandel um mich über Wasser zu halten.

Als ich groß war arbeitete ich in einem Büro in einem Nahverkehrsunternehmen. Nach der Ausbildung dort hatte ich meinen Traumjob: Ich war kreativ, hatte mit Menschen zu tun, mit ÖPNV. Ich sah meine Arbeitsergebnisse in der ganzen Stadt. Und ich war verdammt stolz.

Als ich groß war wurde entschieden dass der Job nach nur zwei Jahren betriebsbedingt wegfällt. Offiziell. Inoffiziell wurde mir mehr als deutlich zu verstehen gegeben dass ich den Jobanforderungen nicht im Geringsten genügen würde.

Vielleicht hätte ich doch Archäologin werden sollen.
Oder Lokführerin.
Oder Astronomin.
Oder Bibliothekarin.
Oder Musikerin.
Oder Instrumentenbauerin
Oder Lehrerin.

Mach was Du willst.
Dein Job soll Dich glücklich machen.
Geld ist nicht alles.

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte hätte ich das Praktikum bei dem Instrumentenbauer gemacht. Ich hätte dafür gekämpft dass es als Schulpraktikum anerkannt worden wäre.
Und ich hätte mir eine wunderschöne Flöte aus dem Holz gebaut, welches sich mir in die Hand gelegt hätte.
Und wer weiß, vielleicht wäre ich heute in einer kleinen Werkstatt und würde anderen ihre Trauminstrumente bauen.

Oder ich wäre Archäologin, Lokführerin, Astronomin, Bibliothekarin, Musikerin oder Lehrerin.
Alles – nur nicht ohne Job.