Dein Job soll Dich glücklich machen

Als ich klein war wollte ich Archäologin werden.
Und Runen/Hieroglyphen entziffern. In einem ruhigen dunklen bücherbespickten Raum. Und manchmal auch draußen irgendwelche uralten Teile ausgraben. Später fand ich es reizvoll von oben aus einem Flugzeug auf die Landschaft zu schauen und Spuren vergangenen Lebens zu finden.
Hier in Deutschland gibt es so etwas kaum, was gibt es hier schon auszugraben. Du musst Latein lernen, griechisch und ganz weit weg studieren, vielleicht sogar in einem anderen Land. Und lernen, viel viel lernen.
Ich beließ es dabei.

Als ich klein war wollte ich Lokführerin werden.
In schicker Uniform stolz einen ganzen Zug fahren von A nach B. Wie mein Vater. Ich fand das toll, stundenlang träumte ich davon zu fahren, selber zu fahren.
Eine Frau kann das nicht werden. Als Mann kannst Du notfalls eben mal „hinter die Lok und pinkeln“ – was machst Du als Frau? Und außerdem brauchst du eine handwerkliche Ausbildung dafür, Mechanikerin oder sowas. Und der Schichtdienst, denk daran, das macht auf Dauer keinen Spaß.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich klein war wollte ich den Himmel entdecken, die Sterne und den Mond.
Mit Teleskopen in den Himmel schauen und alles verstehen was ich sehe.
Ich wusste es war unerreichbar, und beließ es dabei.

Als ich klein war wollte ich Lehrerin werden.
Ich liebte meine Grundschullehrerin und fand toll was sie machte. Das wollte ich auch.
Lehrer sind doch die lebensuntüchtigen Versager. Wenn Du Lehrerin wirst wirst Du enterbt.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich jünger war wollte ich mit Büchern zu tun haben.
Um mich herum den ganzen Tag nur Bücher und Menschen die gerne lesen. In einer Bibliothek oder Bücherei. Das fand ich spannend, ruhig und ansprechend.
Die stellen keine Leute mehr ein, und außerdem musst Du erst studieren, und das ist bestimmt langweilig und trocken und öde, und einen Job findest Du dann auch nicht.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich jünger war wollte ich Musik studieren.
Alte Musik. Ich wollte meine Welt ergründen und mich noch mehr tragen lassen. Ich verzichtete darauf das Rauchen zu probieren (Luft ist wichtig) und ich achtete auf meine Finger und Hände. Sie waren unersetzlich für meine Musik. Ich saugte alles auf was ich an Wissen bekommen konnte.
Du musst Klavier spielen können und vorsingen und vorspielen, und theoretische Vorkenntnisse haben.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich jünger war wollte ich Musikinstrumente bauen.
Die Instrumente erschaffen die diese wunderbaren Klänge erzeugen konnten. Aus warmem Holz, mit viel Zeit und Passion.
Du kannst dort kein Praktikum machen, du kannst die Praktikumszeit nicht um eine Woche in den Ferien verlängern. Ach das ist doch nur eine Flause, davon kann man doch nicht leben, und wo willst Du sowas überhaupt lernen.
Ich nickte und beließ es dabei.

Als ich jünger war wusste ich, ich wollte niemals im Büro arbeiten.
Und Papier von links nach rechts schieben. Und nett angezogen sein, adrett und immer freundlich.

Als ich jünger war wusste ich, ich wollte niemals heiraten.
Ich wollte allein mein Geld verdienen und frei und unabhängig sein, außerdem würde es eh niemals jemanden geben der mit mir zusammenleben würd.

Als ich mich entscheiden musste verbrachte ich viele Stunden bei der Berufsberatung und wälzte Berufsbeschreibungen. Nur um alles, was reizvoll sein könnte wieder zu verwerfen. Zu teuer, zu eklig, zu weit weg, zu schlechte Noten, zu hässlich…

Als ich mich entscheiden musste wählte ich den Kindertraum und begann auf Lehramt zu studieren.
Ich quälte mich Semester für Semester, völlig desillusioniert und immer wieder mit Flashbacks zurück in die eigene Schulzeit. Das, was ich mir versprochen hatte, das was ich wollte war dort wo ich studiert hatte nicht möglich. Theorie Theorie Theorie – keine Praxis, kaum Pädagogik. Einschränkungen im Denken. Vorgefertigte Lehrmethoden, die diskussionslos zu übernehmen waren.
An einer anderen, kleineren Uni wurden die bisherigen Scheine nicht anerkannt.
Ich nickte, brach das Studium ab und beließ es dabei.

Als ich mich entscheiden musste suchte ich mir einen Ausbildungsplatz und jobbte Übergangsweise im Einzelhandel um mich über Wasser zu halten.

Als ich groß war arbeitete ich in einem Büro in einem Nahverkehrsunternehmen. Nach der Ausbildung dort hatte ich meinen Traumjob: Ich war kreativ, hatte mit Menschen zu tun, mit ÖPNV. Ich sah meine Arbeitsergebnisse in der ganzen Stadt. Und ich war verdammt stolz.

Als ich groß war wurde entschieden dass der Job nach nur zwei Jahren betriebsbedingt wegfällt. Offiziell. Inoffiziell wurde mir mehr als deutlich zu verstehen gegeben dass ich den Jobanforderungen nicht im Geringsten genügen würde.

Vielleicht hätte ich doch Archäologin werden sollen.
Oder Lokführerin.
Oder Astronomin.
Oder Bibliothekarin.
Oder Musikerin.
Oder Instrumentenbauerin
Oder Lehrerin.

Mach was Du willst.
Dein Job soll Dich glücklich machen.
Geld ist nicht alles.

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte hätte ich das Praktikum bei dem Instrumentenbauer gemacht. Ich hätte dafür gekämpft dass es als Schulpraktikum anerkannt worden wäre.
Und ich hätte mir eine wunderschöne Flöte aus dem Holz gebaut, welches sich mir in die Hand gelegt hätte.
Und wer weiß, vielleicht wäre ich heute in einer kleinen Werkstatt und würde anderen ihre Trauminstrumente bauen.

Oder ich wäre Archäologin, Lokführerin, Astronomin, Bibliothekarin, Musikerin oder Lehrerin.
Alles – nur nicht ohne Job.

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