Terror

Wir wohnen in einem Hochhaus. 8 Etagen. Gebaut irgendwann in den 70ern.
Diese Häuser sind in der Regel hellhörig, das heißt dass jeder vom Menschen über sich das ein oder andere mitbekommt. Oftmals mehr als gewollt.
Wir hören zum Beispiel bis ins Schlafzimmer ob jemand gerade badet oder duscht. Das Quietschen von nackten Füßen in einer Badewanne ist lauter als mensch denkt. Oder Stehpinkler: ganz besonders toll urplötzlich im Wohnzimmer Geräusche zu hören als ob mehr oder weniger neben einem gepinkelt wird.
Aber ok, es ist halt ein sehr hellhöriges Mehrfamilienhaus. Müssen wir alle mit klarkommen. Zudem hab ich leider verdammt gute Ohren. Und ich höre vieles, spüre auch die Vibrationen vom Poltern anderer Nachbarn. Aber ich sag nichts, beschwer mich nicht – und vergesse es schnell wieder. Weil – ist halt hellhörig.
Da ich schon immer in Mehrfamilienhäuser gelebt habe bin ich entsprechend erzogen worden. Mein Mann tut sich da etwas schwerer, aber von laut sein und von „mir alles egal“ kann keine Rede sein.
Wir geben uns Mühe ruhig zu sein.

Kleine Geschichte von neulich:
Bei einer Party im Haus vor zwei Wochen war ich um 3 zur Partyhochzeit noch wach und amüsierte mich prächtig über all die Nachbarn die an Wände, Decken und Heizungen hämmerten. Wer von der Musik noch nicht wach war – war es nun durch das Gehämmere bestimmt. Bis um 4 war schlechte RnB Musik zu hören. Als ich um 5 ins Bett bin drehten sie nochmal auf, irgendwas Richtung Rap oder so. Ich hab ganz gespannt gewartet ob da die Polizei auftaucht und ob es noch Rabatz gibt. Aber leider wurds dann ruhig.

Nachdem ein oder zweimal ziemlich dreiste Zettel an unserer Tür klebten wir wären zu laut stand eines Abends die Nachbarin von unter uns mit der Nachbarin von über uns vor der Tür. Sie traute sich nicht alleine sagte sie gleich, sie wisse ja nicht was sie erwarte. Und sie hätte die Dame von oben mitgebracht. Wir wären zu laut, ihr Sohn könne oft nicht schlafen deswegen und würde nur weinen. Und sie erzählte was alles wo bei wem wie zu laut sei, und die Kuckucksuhr von dem einen Nachbarn sei ja das allerletzte. Die Dame von oben und ich haben uns nur angesehen und wussten beide Bescheid. Sie sagte sie hätte nie was von uns gehört, schon gar nicht nachts.
Wir konnten uns die angeblichen Geräusche nicht erklären, wir haben kein Klappbett, machen nachts keine Schubladen auf und zu.
Wir vertrösteten die Nachbarin damit dass wir genauer schauen würden, und nicht wüssten WAS sie hört. Wobei ich dann doch mitteilen musste das eine Kiste Spielzeug (klang wie Lego) abends in der Badewanne auch für die Leute ne Etage drüber kein Spaß ist. Nur dass ich deswegen nie auf die Idee gekommen wäre bei ihr zu klingeln.
Sie gab sich damit zufrieden, erwähnte im Gehen dann dass sie der Genossenschaft Bescheid geben würde dass wir hier ja doch keinen Rabatz machen würden. Hallo? SIE hat sich beschwert OHNE mit uns zu reden? Weil sie SCHISS vor uns hatte? Witzig – mein Mann ist immer sehr zuvorkommend und freundlich, und sie war total erstaunt dass er hier wohnt, er sei ja immer so nett.

Und trotzdem.
Wir waren baff. Ok, klar, unsere Schreibtischstühle knarzten (bei meinem klonkte die Gasfeder gern), unser Bett knarrte, aber so arg? Und das obwohl wir Teppich haben? Wir besorgten uns neue Matratzen, neue Lattenroste, sie waren eh fällig. Ich kaufte mir einen neuen Schreibtischstuhl. Auch wenn die Dame von unten eine der unangenehmeren Nachbarinnen war, die alles hört, hören will und alles so haben muss wie sie es gerne hätte, so ganz auf uns sitzen lassen wollten wir es dann ja doch nicht.
Sie sprach uns seit ihrem Besuch damals nicht mehr an, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern.
Vor etwa einem knappen Jahr ist sie weggezogen.

Nun wohnt dort also ein neuer Nachbar.
Der m Spätsommer auftauchte und uns bat leiser zu sein, wir würden oft nach 10 noch sehr laut sein. Er berichtete von denselben Geräuschen wie seine Vormieterin. Er wisse von der Hellhörigkeitsproblematik, aber er müsse nun mal schlafen. Wir waren ratlos. Und konnten uns partout nicht erklären WAS er bitte hört.
Ich nahm den Teppichschoner weg vor meinem Schreibtisch, so dass mein Stuhl direkt auf dem Teppich rollt.
Der Hausmeister, der mit Handwerkern an der Heizung was am Basteln war konnte sich das nicht erklären nachdem ich ihm von der Problematik erzählte. Ich testete meinen knarzenden Schreibtischstuhl aus, aber unten war nichts zu hören, und der Hausmeister konnte sich auch so spontan nicht vorstellen was das sein könnte, die Heizungshandwerker hörten auch nichts.
Unsere Haushaltsfee die einmal die Woche kommt meinte nur dass ich nicht laut wäre und das bisschen Stuhlknarzen definitiv niemals unten zu hören sein dürfte.
Wir fingen an auf alles achtzugeben, jaaa keinen Lärm. Es macht keinen Spaß wenn einer dem anderen auf die Finger schaut dass bloooss keine Geräusche auftauchen.
Die paar Dinge die übrig blieben, bekam mein Mann immer wieder zu hören. Dass dies und jenes sicher „bis in den Keller“ zu hören sei, und er da ein wenig Rücksicht nehmen solle. Keine schöne Stimmung, und Ursache vieler Auseinandersetzungen.

Der Nachbar stand irgendwann wieder vor der Tür.
Wir verblieben damit dass er sich umgehend zeitnah per WhatsApp meldet wenn wieder was ist, damit wir eventuell mehr nachvollziehen können. Die geschilderten Uhrzeiten passten nicht immer, die Orte WO Lärm war passten auch oft nicht.

Er meldete sich am 1. Dezember, Dienstag.

NAchbar1

Am 7. Dezember, Sonntagabend haben wir dann einen Lärmtest gemacht. Ich bin mit nach unten, mein Mann blieb oben. Wir standen im Dauerkontakt mit dem Handy.
Und er hat sich hier oben wie ein Panzer durch die Wohnung bewegt. Barfuß und mit Schuhen, hat sich mit Schwung aufs Bett gelegt, hin und hergewälzt, sich auf seinem Schreibtischstuhl gefläzt, Fenster auf und zu gemacht, Rollos hochrauschen lassen, meinen Schreibtischstuhl malträtiert, hat sehr schwungvoll Flaschen (Plastik und Glas) in Kisten fallen lassen, hat die Kühlschranktür zufallen lassen, hat seine Glasflaschen reingetan und rausgenommen, hat im Badezimmer meine Toilettensitzerhöhung abgebaut und wieder angebaut. Mal unvorsichtig, mal vorsichtig. Er hat jede mögliche Geräuschursache sehr übertrieben, sie aber auch normal versursacht.

Wir wissen nun was von uns unten ankommt.
Erstaunlich viel.
Viel mehr als sein dürfte.
In einer Intensität die so nicht sein dürfte.
Allerdings gilt das alles für die übertriebenen bewusst provozierten Geräusche.

Glasflaschen in den Kühlschrank – sehr laut.
Übertrieben Flaschen in die Kisten – sehr laut.
Toilettensitzerhöhung unvorsichtig – mehr als laut.
Unser Bett – ziemlich laut.
Schreibtischstühle – zu hören, aber nun nicht die Welt.

Alles in allem ist einiges zu hören.
Vor allem nachts, wenn keine Nebengeräusche von draußen da sind ist es sicherlich nochmal einen Zacken lauter. Und bestimmt nicht immer schlaffördernd. Keine Frage. Andere Geräusche die unser Nachbar hört ließen sich nicht reproduzieren. Und lautes Badezimmergepolter kam auch als ich unten war, mein Mann aber NICHT im Bad war.
Da er unten keinen Teppich drin hat und auch kein Laminat und nur sehr wenige Möbel hallt es bei ihm. Vermutlich kommen die Geräusche u.a. deswegen so stark bei ihm an.

Wir wollen keinen Stress, und wir wollen auch niemandem den Schlaf rauben.
Also haben wir hier unser Leben „geändert“. Glasflaschen kommen im Kühlschrank nicht mehr auf die Glasplatte, und die Tür wird leiser zugemacht. Flaschen gleiten nur noch „liebevoll“ in die Kisten.
Der Toilettensitz wird mit mehr Bedacht abgenommen und dann weich abgelegt, nicht direkt auf den Kachelboden, ab 8 abends ist mein Mann nicht mehr am Computer. Ich selber bin eh ziemlich wenig aktiv in der Wohnung und stehe nur alle paar Stunden mal auf.
Und letztes Wochenende (am Samstag!) haben wir nun unser Bett etwas gedämmt und eine der zwei knarzenden Türen geölt (die andere lässt sich im Moment nicht anheben um die Scharniere zu ölen). Unter jedem Bettpfosten liegt nun ein 5cm dickes Styroporteil, die Lattenroste liegen auf Schaumstoff auf. Die Getränkekisten in der Küche stehen auf dünneren Styroporplatten.
Alles in der Hoffnung dass weniger unten ankommt.
Bis Samstag hat sich hier nichts geändert, und wir sind mal früh mal spät ins Bett, und unser Bett karrte was das Zeug hielt. Seit Samstag knarrt kaum noch was, mal sehen wie lange es anhält.

Wir haben alles getan was wir tun können.
Wir wissen was unten ankam, wir haben Abhilfe geschaffen.
In Luft auflösen können wir uns nicht.
Wir können auch nicht die anderen Mitbewohner ändern, die die letzten Tage die Wände haben wackeln lassen, keine Ahnung wer da wie versucht hat seine Wohnung einzureißen.

Nachbar2

Bisher war der Ton wenn wir direkt miteinander gesprochen haben durchaus nett und freundlich. Bisher.
OK, führen wir Protokolle. Hatte ich neulich schon mal. Die Excelliste existiert noch.
Ein Anruf in Abwesenheit war um 4:33 von ihm auf dem Handy.
Ach, und ich war heute morgen um und bei halb 4 im Bett. Weder ich noch mein Mann sind bis um 7 Uhr nochmal aufgestanden oder haben uns gar hinundhergewälzt. Also – was bitte hört er unten?

Ich mag nicht mehr. Ich werde bei der Genossenschaft nochmal insistieren dass wir eine neue Wohnung bekommen. Im Erdgeschoß. Da KANN uns dann niemand hören.

Update: wir sind noch auf der Warteliste geführt. Mal sehen ob was kommt. Sonst ziehen wir in unsere alte Wohnung zurück, die im Moment renovierungsbedürftig leer steht.

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Ein Gedanke zu “Terror

  1. Das ist schon echt schräg.Unten hört man also was, das nicht von oben kommt, aber trotzdem so klingt, und bei Euch oben hört man es nicht. Also muß es von woanders kommen. Vielleicht von nebenan.

    Meine Nachbarin hatte mal eine antike Spieluhr auf ihren Fensterbrett stehen. Diese hat sie gerne nachts vor dem Schlafengehen aufgemacht und angehört. Anfangs war die deutlich zu hörende Melodie am späten Abend etwas gruselig, Später fand ich das relativ regelmäßige Geräusch fast schon witzig. Die Steinplatte vom Fensterbrett muß wohl durch die Trennwand durchgehen und überträgt daher den Schall wunderbar in den Nachbarraum. Wer bitte baut so etwas?

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