Intermezzo

Vor einigen Tagen tauchte das Thema Menstruation (Mens, Tage, Mensis, Rote Zora, Periode etc. pp.) in meiner timeline auf und heute kam fast wie abgesprochen auch noch thematisch passend das Podcast von @kleinerdrei heraus. 
Und nun fasse ich mir ein Herz und schreibe auch mal etwas dazu.

Ich war aufgeklärt.
Ich wusste was passiert.
Was irgendwann unweigerlich auch mir passieren wird.
Und es wurde mir als erwachsenwerden und zurFrauwerden verkauft, also als etwas Schönes und Starkes. Aber auch als etwas sehr normales.
Meine Mutter hat früh begonnen mich zu informieren. Und sie ging auch immer sehr offen mit ihrer Mensis (und anderen Dingen) um. Linksfeministisch offen.

Ich erlebte ihre Mensis immer zwiegespalten: sie wand sich den ersten Tag mit fiesen Krämpfen, nahm Novalgin en masse (das war damals noch freiverkäuflich) und brauchte Mengen von Süßigkeiten. Von denen ich auch etwas abbekam, so dass das Ganze auch einen positiven Touch bekam.
Ich war nicht sonderlich erpicht darauf, aber ich wusste auch, dass es nichts Schlimmes ist.
Und ich dem ganzen eh nicht entgehen konnte.

Und dann kam der Tag.
Ich weiß es auch fast 30 Jahre später noch als ob es eben erst gewesen ist. Manche Dinge bleiben wohl immer in Erinnerung.

Ich war normal auf Toilette und stellte fest, dass meine Unterhose eingesaut war. Schlagartig wusste ich was es war, und es erklärte auch mein kaum merkliches Bauchziehen einige Tage vorher. Ich rief meine Mutter, die sich überschwänglich freute, mich beglückwünschte und das alles supertoll fand.
Sie erklärte mir dann gleich alles was ich praktisch wissen sollte. Wie oft ein Stöpsel zu wechseln sei, und wie lange ungefähr ein Surfbrett „hielt“ und dass ich ja nun dann bald mal zu einem Gynäkologen müsse. Ich war etwas überfordert, ich saß ja auch noch auf dem Klo. Und eigentlich wollte ich nur durchatmen, selber drauf klarkommen.
Aber die Zeit war nicht wirklich da, meine Mutter riet mir gleich zu Tampons, so praktisch und man könne alles damit machen und sei frei und überhaupt sei es weniger eklig. Also sollte ich es am besten gleich ausprobieren, und sie würde mir auch helfen.
Ich probierte es aus. Sie half mir.
Es klappte nicht und irgendwann gaben wir auf.
(Ich mein, hallo, ich war 12 oder 13, hab das erste Mal meine Mensis – und die Mutter versucht erst anzuleiten – und dann selber mit anzufassen. Wie soll das gehen?)
Ich stopfte mir eine Slipeinlage in die Unterhose und war wie in Trance. Mein Vater freute sich glaub ich auch – und er wurde gleich einkaufen geschickt, wir brauchten ja nun Binden für mich.

Ich saß total überfordert und panisch am Küchentisch, meine Mutter freute sich immer noch wie Bolle und fing an ihre „Das Kind kommt nun in den Kreis der Frauen“-Party zu planen. Sie überlegte eifrig wer alles einzuladen sei: Meine Grundschulklassenlehrerin, ihre ganzen Frauen aus dem Frauenkreis, die feministischen Freundinnen, die Frauen der Familie und was weiß ich noch wer alles. Ich war ja nun eine Frau und das musste/sollte gebührend gefeiert werden.
Ich wollte sowas nicht. Ich fand das alles peinlich und auch eklig und ich fand dass es absolut niemanden etwas anging ob und wann und überhaupt. Es war meine Sache und sollte es auch bleiben, und sie hätte damit mal so null zu tun, und auf ihre ganzen Frauen hätte ich auch keine Lust.
Und außerdem hätte ich noch nie von so einem Feier-Brauch gehört, kein Mädchen in der Klasse hätte sowas gemacht.

Ich weiß nicht wie lange sie plante und tat und versuchte mich zu überzeugen, aber irgendwann wurde ihr wohl bewusst, dass es diese Feier nicht geben würde. Mein Vater kam vom Einkaufen wieder und stellte sich auch auf meine Seite. Meine Mutter solle mich in Ruhe lassen damit wenn ich es nicht will.
Ich glaube einige Tage lang kam das Thema immer mal wieder ganz ganz kurz auf, aber es ist nie zu der Feier gekommen.
(Auch zum Gynäkologen hat sie mich jahrelang nicht bekommen. Ich habe mich standhaft geweigert)

Meine Eltern schenkten mir ein Buch zur Feier des Tages (ich glaube sogar mit Widmung, ich bin mir nicht ganz sicher, ich finde das Buch im Moment nicht) – und das war wirklich schön und angemessen. Diese Geste fand ich toll. Und ich finde, ein kleines Geschenk bei der ersten Mensis hebt diesen Moment hervor, überfrachtet ihn jedoch nicht. Und nimmt irgendwie auch den Schrecken.

Von da an blutete ich jeden Monat.
Ich machte brav Vermerke im Kalender wie stark und wie lange.
Ich hatte das Glück dass ich kaum bzw. nur selten Schmerzen hatte, und auch diese angeblich „typischen PMS-Beschwerden“ kaum da waren.
Ich hasste jeden einzelnen blutenden Tag.
Ich ekelte mich vor dem sibschigen schleimigen Zeugs.
Ich fühlte mich immer eklig. Und da halfen auch keine heißen Duschen.
Ich hatte extra Unterwäsche und Schlafanzughosen für diese Tage.
Ich hatte immer Angst, dass der Zyklus mal durcheinander gerät und ich überrascht werde. Unsere Schulsekretärin hatte immer was da für den Notfall.
Ich schämte mich nicht beim Einkaufen Binden zu kaufen. Ich war aber auch nicht stolz.
In der Schule wurde darüber nicht gesprochen. Manchmal halfen sich manche Mädchen untereinander mit Tampons aus, leise und verschämt. Beim Schwimmunterricht saßen manche Mädchen manchmal am Rand und schauten zu. Ich auch. Ich hasste die Vorstellung mit Mensis zu schwimmen, und ohne Stöpsel eh ein NoGo.
Ich fuhr nur dann weg, wenn die Mensis grade vorbei war – woanders zu bluten und evtl. was einzusauen wäre nicht gegangen.
Es war alles so normal.
So normal scheisse.

Ich kam bis zum „Ende meiner Tage“ (was ein Wortspiel *gg*) nicht mit Tampons zurecht. Ich probierte es immer wieder – keine Chance.
Und auch die Alternativen wie Schwämmchen oder Tasse waren für mich indiskutabel.
Ich wollte mit dem ganzen Zeug nichts zu tun haben.

Die letzten Jahre waren schlimm und hatten nichts mehr mit normalen Regelblutungen zu tun:
Unregelmäßige Sturzblutungen die mehrere Tage gingen, Blut das einfach so die Beine runterlief oder munter in die Toilette tropfte. Wo kein Schutz reichte und Handtücher herhalten mussten. Wo tagelang im Sitzen (wenn überhaupt) geschlafen wurde und jedes Husten und Niesen zu einem Blutbad wurde.
„Das hat ne Frau mal“ und „so schlimm ist das doch nicht“ war das einzige, was den Ärzten dazu lapidar einfiel.
Und irgendwann machte der Körper nicht mehr mit und ich landete komplett fertig mit der Welt in der Notaufnahme der Uniklinik wo ich als erstes zwei Blutkonserven bekam mit dem Worten „Ich hab schon Leute mit nem höheren HB verbluten sehen, und da hab ich mal so keinen Bock drauf“.
Und wo plötzlich ein (kompetenterer?) Gyn feststellte dass „da etwas nicht in Ordnung sei“.
Als der Krebs dafür sorgte, dass ich endlich nie nie nie wieder „unten“ bluten würde hab ich mich gefreut. Wirklich vom tiefsten Herzen gefreut.
Es fiel eine Last ab.

Seitdem bin ich frei,

Die Wiederentdeckung der SMS

Was passiert wenn bei U-Bahn-Bauarbeiten Mittwochabend um halb 10 (pünktlich!) irgendwelche Kabel durchtrennt werden?
Geeenau, ein Teil der Hamburger sitzt ohne Internet, Telefon, Fernsehen und Radio da.

Und plötzlich stellt mensch fest, dass mittlerweile irgendwie alles nur noch übers Internet läuft. Bzw. alles über dasselbe Kabel.
Telefon? Längst via VoIP.
Radio? Onlineplayer.
Fernseher? Wozu, die meisten Sendungen gibt’s einige Tage lang in den Mediatheken. Oder auf Netflix.

Auf einmal ist das „Übliche“ hinfällig, die Routine im Eimer.
Keine Mailwechsel mit meinem Mann, keine mittäglichen WhatsApp-Nachrichten.
Kein durch Twitter hüpfen, idlegames anwerfen und erstmal Süddeutsche lesen.
Kein Radio, kein Spoti.

Die fehlenden Nachrichten störten mich schon, einen Tag geht’s ohne, aber wenn es das Wochenende angedauert hätte hätte ich wohl das IPad zum Zeitungslesen benutzt und das alte Antennenradio aus der anderen Wohnung geholt.

Letztes Mal ohne Internet hatte ich meinen Rechner aufgeräumt und Dateien sortiert, nach einem Sicherungsfehler herrscht in meinen Ordnern ein heilloses Durcheinander.
Aber darauf hatte ich gestern keine Lust.
Ich vergnügte mich lieber mit Excel-Basteleien und erstellte wunderbare Diagramme und Tabellen. Und ja – ich habe wirklich Spaß an sowas ^^
Und mit einem Hörbuch auf den Ohren (es ist ja nicht so dass hier nicht noch CDs rumstehen würden oder so) geht es gleich doppelt gut.

Und dann hab ich das angefangen was seit Monaten bereits vorhabe, und wo ich mich noch nicht zu durchgerungen hatte: die „Abschrift“ meiner alten Tagebücher bevor die Tinte verblasst.
Sehr seltsam das alles zu lesen, aber auch amüsant. Alte Rechtschreibung ftw.
Erster Eintrag im Oktober 1989.

Es war ein stiller, ruhiger Tag gestern, medial erholsam sozusagen.
Wirklich vermisst habe ich nur die Kommunikation mit meinem Mann.

Seit heute Mittag ist alles wieder „wie immer“. :o)