Poesiealbum

Gestern Abend tauchte in meiner TwitterTimeLine kurz das Thema Poesiealbum auf. Da ich meine Tagebuch/Poesiealbumsschublade gerade parat liegen habe brauchte ich heute nur nach links greifen – und schon hatte ich meine beiden Alben in der Hand.
Danke an @cloudette_ und @MrsCgn für die Anregung nach langer Zeit durch meine Alben zu blättern.

Die älteren werden Poesiealben bestimmt noch kennen.
So mit 11 oder 12 ging es los, kleine, quadratische Büchlein (meistens mit gepolstertem Stoffeinband) mit leeren Seiten wurden in der Schule herumgereicht mit der Bitte, eine Kleinigkeit zu schreiben. In den Ecken oder oben auf der Seite stand hauchfein mit Bleistift die Stelle wo wer reinzuschreiben hatte, damit auch ja niemand vergessen wurde.
Lehrpersonen wurden ebenso einbezogen wie Verwandte.
Poesiealben hatten nur die Mädchen. Jungs hatten diese fertig vorgedruckten Bücher „Meine Schulfreunde“, wo einige Fragen wie Lieblingsessen und Lieblingslehrer beantwortet werden sollten.

Wir nannten die Alben „Pösi“-Album oder nur „Pösi“ – mit der Betonung auf dem Ö.

Meine Mutter erzählte, dass früher Sinnsprüche, manchmal auch Bibelsprüche hingeschrieben wurden, natürlich in allerallerschönster Schrift, dazu ein oder zwei Oblatenbildchen* – fertig war der Eintrag.

Poesiealbuminnen

Innenseite mit Kinderbild von mir und den typischen Oblatenbildchen

Und so war es auch zu meiner Zeit, wobei es keine Bibelsprüche mehr gab, dafür querbeet alles was das Herz begehrt an Sinnsprüchen, Weisheiten und typischen Poesiealbumsprüchen. Oblatenbildchen waren nicht mehr „in“, die meisten haben selber gezeichnet, gemalt – oder Aufkleber dazu geklebt.

„Sei immer froh und heiter wie der Spatz aufm Blitzableiter“
„Wenn Regentropfen leise an Dein Fenster klopfen, dann denke leis bei Dir, das sind Grüße von mir“
„Sobald man in einer Sache Meister geworden ist soll man in einer neuen Schüler werden“

Ich hatte zwei solcher Büchlein.
Meine Eltern schenkten mir eines zum 7. Geburtstag, und ihre Einträge sind die ersten. Danach folgen Onkel und Tanten, Großeltern und Familienfreunde. Das Album wurde schnell ein sehr persönliches Büchlein mit Fotos oder Zeichnungen. Und es war mir lieb und teuer, und ich wollte nicht, dass es in falsche Hände gerät.
Da ich in meiner Klasse keinen guten Stand hatte war es mir zu riskant. Außerdem war damals die Zeit der Filzstifte groß und auch die Mode Ecken umzuknicken – und mein geheiligtes Büchlein sollte sicher und wohlbehütet bleiben.
So gab ich es nur an die Lehrer und Lehrerinnen weiter.
Von 1988 bis 1991 war das Album verschollen: es wurde mir nicht mehr zurückgegeben, die Person zog weg und war nicht mehr erreichbar. Ich weinte bittere Tränen und war sehr enttäuscht. Durch Zufall traf die Person meinen Vater und gab ihm etwas später das Buch verspätet wieder. Ich weiss noch, dass ich gegrinst habe wie ein Honigkuchenpferd und sehr glücklich war.
1997 (mit mittlerweile 21) gab ich es an zwei sehr sehr gute Freundinnen weiter und ihre Texte sind auch die letzten Einträge.

Poesiealbum2

Doppelseite von 1987, mit Bleistiftzeichnung

Das andere Büchlein wanderte bei mir wie bei allen anderen durch die Klasse und wurde fleißig befüllt, es wurde wider Erwarten auch pfleglich damit umgegangen. Irgendwie ist ein Poesiealbum schon etwas besonderes gewesen. Die meisten gaben sich auch große Mühe mit ihren Einträgen.
In der Oberstufe war ich Patin einer 4. Klasse, und ich musste in sehr viele Alben schreiben. Als die Kinder mitbekamen, dass auch ich ein solches Album habe rissen sie sich förmlich darum hineinschreiben zu dürfen.
Es ist innen sehr bunt, voller Aufkleber, Kinderzeichnungen und und und und.

poesiealbum3

Eintrag einer Mitschülerin

Beide Poesiealben sind Erinnerungen, sind „Vergissmichnicht“ und sie durchzublättern war komisch. Der Zahn der Zeit hat ordentlich genagt und die Seiten sind vergilbt und ich musste sehr vorsichtig sein damit sie nicht zerbrechen.
Fast schon eine andächtige Stimmung.
Und gerade bei dem „ErwachsenenAlbum“ musste ich mich schon das ein oder andere Mal räuspern.

Gibt es so etwas heute eigentlich noch, klassische Poesiealben?

 

 

 

*Oblatenbildchen sind Papierbilder, die aus Bögen ausgeschnitten wurden, wo mehrere Bildchen mit kleinen Papierlaschen zusammengehalten wurden. In der Wikipedia steht hier ein guter Artikel dazu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Glanzbild

Advertisements

Ein Gedanke zu “Poesiealbum

  1. Schön :-) Ich bin noch auf der Suche nach meinem. Glänzend rot mit wattiertem Einband, ich habs genau vor Augen. Mir begegnen nur noch diese Freundebücher (über Nichten, Kita etc), wo eins maximal noch ein Minibildchen reinmalen kann, ansonsten alles vorgegeben. Ich habs ja schon auf Twitter angekündigt: Vielleicht schaffe ich mir ja mal wieder eins an :-D

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s