Denn sie wissen was sie tun

Vor einigen Tagen nahm sich ein Twitterer das Leben.
Und viele Twitterer die ihn kannten und auch viele die ihn nicht kannten nahmen daran Anteil. Im Grunde eigentlich eine tolle Sache, viele erwähnten auch, das Twitter ja doch auch gut sein könnte.

Ich hatte von Beginn an kein gutes Gefühl. Aber nicht, weil sich da jemand das Leben nehmen wollte und es letztendlich auch getan hat.
Sondern weil manche Tweets so typisch, so vorhersehbar und nicht wirklich schön waren. Gut gemeint ist halt nicht unbedingt immer gut.
Natürlich nehmen viele Anteil, und natürlich macht es viele betroffen, keine Frage, das ist auch ok so. Was ich von kollektiven Anteilnahmswellen und Hashtags à la #ripxy  oder #wirfürxy halte spielt hierfür keine Rolle.

Was ich so schal und bitter finde ist schlicht:
„melde Dich“ “Wir sind doch für Dich da“ „Denk an deine Familie“ „Wirf Dein Leben nicht weg“ „das kannst Du nicht machen, Deine Familie“ „Hättest Du was gesagt“ „Du kannst doch mit mir reden“
Solche Texte sind ein Schlag ins Gesicht. Sie unterstellen, die Person hätte sich keinen Kopf gemacht. Die Person wäre leichtfertig, unüberlegt, egoistisch, ignorant.
Tweets mit Unverständnis, Unterstellungen, Anklagen, Vorwürfen.
Ernsthaft – geht’s noch?

Jemand, der nach vielen Jahren mit Schwarzem Hund oder Dunklen Wolken sich entscheidet zu gehen, tut das bestimmt nicht „einfach so“ oder „aus Jux“. Die Person hat vermutlich lange versucht an die Familie zu denken. An den Job, an die Kumpels. An das Funktionieren. An das Stark sein. Hat vermutlich oft genug gegen die Gedanken zu gehen angekämpft. Hat versucht sich Wegpunkte zu setzen, Lichtblicke, Routinen.

Aber manchmal – manchmal reicht das alles nicht, nicht mehr.
Manchmal ist der Akku einfach leer. Und zwar unaufladbar leer.
Stellt Euch eine Kurve vor, auf der es immer hoch und runter geht, so eine Kurve zeichnet den „normalen“ Ablauf: Gute Tage, schlechte Tage, neutralere Tage. Auf schlechte Tage folgen gute, das gibt Kraft und in der schlechteren Phase zehrt man davon. Und unterm Strich passt es.
Es kann nun passieren, dass die guten Phasen immer kürzer und immer schlechter werden. Die daraus gewonnene Energie reicht immer weniger um die schlechten Phasen zu überstehen. Sie werden länger und vielleicht auch tiefer. Das ist ein Prozess, der dauert meistens Jahre. Therapien, Krisenintervention etc. pp können den Level wieder erhöhen, gute Zeiten können wieder Kraft geben – aber es ist oft nicht für immer. Ein Akku brennt irgendwann aus. Es gibt Menschen, denen reicht dieses „Anschubsen“, und der Akku hält und sie werden alt und glücklich. Und es gibt Menschen, bei denen reicht es nicht. Bei denen ist die Energie irgendwann weg.

Was ist daran verwerflich?
Was ist schlimm daran?

Warum muss der Mensch ununterbrochen kämpfen, warum ist es seine Pflicht immer zu kämpfen?
Warum dieses „wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren“.
Wer weiß schon, wie viele Kämpfe der andere schon gekämpft hat? Vielleicht tägliche?
Und warum darf man nicht verlieren? Was ist so schlimm daran?
Und wieso ist es überhaupt verlieren? Wenn eine Erkenntnis in einem reift dass es nicht reicht? Vielleicht es ist es ein Gewinn? Ein Gewinn an Selbstbestimmung und Autonomie, vielleicht ist es eine Befreiung aus dem starren System des Starkseinmüssens, des Gewinnenmüssens, des Fremdbestimmtseins und des Anpassens

Das letzte autonome was ein Mensch tun kann ist sich das Leben zu nehmen. Denn das tut er in der Regel allein und für sich.
Wo bleiben der Respekt vor demjenigen, der die Entscheidung trifft und die Akzeptanz der Entscheidung?

Sich das Leben zu nehmen ist ganz unheroisch und braucht nicht hochstilisiert oder verdammt zu werden. Es ist kein Seelenheil und nichts was gefeiert und zelebriert werden muss.
Es ist schlicht und einfach einfach die unheldenhafte Entscheidung nicht mehr zu wollen.
Vielleicht ein wenig feige, vielleicht ein wenig mutig.

Wisst ihr, dieses Starkseinmüssen, dieses Nichtverlierendürfen ist das, was einem oft Kraft raubt.
Immer für andere da sein, nach deren Regeln leben, deren Anforderungen erfüllen. Sie nicht verletzen. Gesellschaftliche/soziale Normen erfüllen. Fehlender erfahrener Respekt, fehlende Achtung und fehlende Anerkennung.
Das alles kostet so viel Kraft und Energie.

Und
wer seid Ihr, die ihr beurteilen könnt wann der andere keine Kraft mehr haben darf?
wer seid ihr, dass ihr Leute krampfhaft festhalten wollt. Weil „es gibt doch noch so viel Schönes“?
wer seid Ihr, dass ihr Euer Leben, Eure Regeln als das Maß der Dinge setzt und anderen dieses aufzwingt?
wer seid Ihr, dass Ihr denkt mit Euch zu reden würde (auf Dauer) etwas ändern?
wer seid Ihr, dass Ihr denkt wenn der andere „nur was gesagt hätte“ wäre alles anders gekommen?
wer seid Ihr, dass Ihr über Leben und Tod anderer entscheiden können wollt?
Das ist übergriffig.
Es ist übergriffig die Polizei zu rufen, wenn eben KEINE Affekthandlung vorliegt oder der Tod nicht als Druckmittel benutzt wird.
Es ist übergriffig zu erwarten dass der andere nur etwas sagen muss.
Ihr spielt Gott. Und das steht Euch nicht zu.
Ihr seid nicht Gott.
Und Ihr seid nicht Jesus, der angeblich Leute heilen konnte.
Und mit einem „Du hättest doch mit uns/mir reden können“ stellt Ihr Euch in den Vordergrund, IHR seid auf einmal wichtig, das Augenmerk liegt auf Euch, IHR seid „fein raus“.
Merkter was?

Vielleicht passt es nicht in euer Weltbild, dass jemand eben nicht mehr kann. Und nicht mehr will. Es gehört sich nicht, das Geschenk des Lebens wegzuwerfen. „Man macht das nicht“.
Dafür erwartet Ihr einen verdammt hohen Preis: u.U. eine jahrelange Selbstaufgabe.
Ihr möchtet nicht konfrontiert werden damit, dass andere nicht funktionieren. Nicht so funktionieren wie Ihr, wie es die Gesellschaft möchte.
Vielleicht wollt Ihr den Schmerz nicht spüren, den ein Verlust mit sich bringt.
Vielleicht habt Ihr Angst, dass Ihr erkennen könntet dass es Euch auch nicht gut geht.
Vielleicht macht es Euch Angst, dass andere keine Angst vor dem Tod haben.
Vielleicht wollt Ihr Euch nicht hinterfragen was schiefgelaufen sein könnte.
Vielleicht wollt Ihr nicht hinterfragen ob Ihr vielleicht direkt oder indirekt Anteil daran gehabt haben könntet.
Ich rede nicht von Schuld. Schuld ist ein zu schweres, zu großes Wort.
Ich rede von den typischen normalen Alltagsmomenten, die von Funktionieren und wenig Sensibilität gekennzeichnet sind, vom selbstverständlichen Fehlen von Safespaces, dem üblichen „ach komm schon“.
Und wenn wir ehrlich sind: wir stecken da alle mehr oder weniger mit drin.

Schaut Euch doch mal um, in Eurem Freundes- Familien- und Bekanntenkreis – oder bei Euch selber.
Wie geht es Euch eigentlich? Und den anderen?

Wisst ihr – was mich bisher im Leben gehalten hat war das Wissen um diese letzte Option.
Das Wissen dass ich immer noch gehen kann. Vielleicht nicht heute, denn vielleicht gibt es hier und da noch was zu erledigen. Aber vielleicht morgen. Oder übermorgen, oder irgendwann. Oder gar nicht.
Es macht gelassen, fast schon cool. Weil „ich kann gehen wenn ich will“.
Dieses Wissen, diese Gelassenheit ist ein Ventil und nimmt so unendlich viel Druck, das könnt Ihr Euch vermutlich nicht vorstellen.

Und wenn ich für mich irgendwann mal diese letzte Entscheidung treffen sollte, dann hat das seine Gründe und ist gut überlegt. Und dann verbitte ich mir jegliche Einmischung und ich bitte darum, dass diese letzte Entscheidung schlicht respektiert wird.

Ich weiß was ich tue.

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