Spendenaufrufe, Geschenke…

Schwieriges Thema.
Ich muss dazu ein wenig ausholen.
Über Geschenke.
Über Luxusbedürfnisse und ihre Befriedigung.

Ich freue mich anderen eine Freude zu machen. Aber es sind eher kleine Gesten, Kleinigkeiten, es muss nicht etwas Materielles sein.
Ein Zettelchen auf dem Schreibtisch, eine Postkarte aus dem Urlaub – Dinge, die andere erfreuen und die von Herzen kommen.
In der Regel sind dies Menschen aus meinem näheren Umfeld, Verwandte, gute Bekannte.
Und Geschenke haben etwas Intimes, Privates. Ich weiß was sich der andere wünscht bzw. was ihn freut. Ich brauche dafür keine Wunschlisten, ich habe auch als Kind nie welche geschrieben und auch nie welche von meinen Eltern bekommen.
Eine Wunschliste ist wie ein Einkaufszettel, irgendwie seelenlos.

Geschenke bekommen ist schwierig. Ich freue mich auch über Postkarten, über kleine Nettigkeiten, wobei diese mich schon verlegen machen können. Ich weiß oft nicht wie ich reagieren soll. Reicht ein Danke? Muss ich mich auf eine bestimmte Weise freuen? Geburtstage waren immer sehr zwiegespalten. Klar, was bekommen ist immer toll – aber andererseits auch die gefühlte Erwartung der anderen, die erwartungsvollen gespannten Blicke.

Ich habe gelernt, dass Luxusgüter (Hobby, Fun, „nice to have“) nicht oberste Priorität sind. Dass sie sich „verdient“ werden müssen. Ich also etwas dafür tun muss. Sparen, warten, verzichten – was auch immer.
Ich brauche sie nicht heute. Morgen ist auch ok. Oder übermorgen, sie laufen nicht weg.
Sie machen das Leben schön, besser – aber sind nicht lebensnotwendig.
Ich trenne auch ziemlich klar zwischen „brauch ich wirklich“ und „kann ich mir mal gönnen“.
Mir tut verzichten nicht weh – eher lässt es die Spannung steigen und ich freue mich am Ende umso mehr.
Und wenn ich mir etwas nicht leisten kann – hab ich schlicht Pech gehabt. Ist zwar blöd, aber es ist halt nun mal so. Nicht jeder Mensch kann alles haben was er will. Ich habe damit kein Problem.
Und: Träume und Wünsche (wenn ich mal Geld hab kauf ich mir das und das) sind auch spannend und Luftschlösser machen Spaß.
(wir reden immer noch über Luxusgüter, nur mal als Erinnerung)

Um Hilfe zu bitten, in welcher Hinsicht auch immer, ist sehr sehr schwer.
Bedürfnisse zu äußern, auch wenn sie existentiell sind, ist fast unmöglich für mich. Das ist definitiv eine meiner Baustellen. Und ja, auch ich hatte Zeiten ohne einen Cent, mit fristloser Wohnungskündigung und und und und.

Ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, denen es so klapprig geht, dass sie über ihren Schatten springen und um Hilfe bitten (müssen). Öffentlich um Hilfe bitten. Z.B. bei irgendwelchen Crowdfunding-Seiten.
Ich selber könnte es wohl nicht, aber ich kann nachvollziehen wenn andere es tun.
Wenn andere um Dinge bitten, die lebensnotwendig sind.
Klamotten, Schuhe, Amtskram, Arztkosten, Schulden (die aus Krankheit oder so entstanden sind).
Nebenbei: die wenigsten bitten für sich selber, fast immer bitten Freunde/Verwandte für sie.
Das hat alles irgendwie KEINEN unangenehmen Beigeschmack für mich.

Und dann gibt es gehäuft Anfragen, wo die Leute direkt für sich fragen.
Für Luxusartikel. Computerzubehör, Tattoos. Für Fun.
Und es macht mich wütend.
Weil ein Medium benutzt wird, was für mich mit „Notfall“ und „akut“ verbunden ist und mit „da steckt jemand in echt tiefer Scheiße“. Und dann lese ich so etwas wie z.B. „heii, ich möchte ein Tattoo, hab’s Geld auch, aber mehr wäre schon cool“ – und es widert mich fast an.
Ich fühle mich „betrogen“. Und angegriffen von einer dreisten Bitte.

Ich hätte auch gerne so vieles. Einen schnelleren Rechner hätte ich gerne, unser Auto ist auch nicht mehr das Neueste und unser Umzug hat den Dispo ausgereizt. Also – ne Finanzspritze wäre echt schick, weil, so ein besserer Rechner wäre eeeeecht cool. Und dieses Musikinstrument, handgemacht, hach das wäre ein Traum.
NIEMALS, wirklich NIEMALS käme ich auf die Idee (öffentlich, über eine Crowdfundingplattform) danach zu fragen.
Das würde mir in vielerlei Hinsicht gegen den Strich gehen. Weil: Luxusgüter können warten (s.o.) und ich nähme Ressourcen und Aufmerksamkeit denen weg, die über diese Plattformen existentielle Hilfe erfragen. Ich hätte das Gefühl diese Leute zu hintergehen, zu betrügen.

Mit meiner „unwichtigen“ Anfrage und der entsprechenden Verbreitung in den Netzwerken sorge ich dafür, dass andere irgendwann abstumpfen könnten und alle Crowdfunding-Anfragen wegklicken. Weil „ach schon wieder nix wichtiges“. Weil wichtiges in der Masse untergeht. Untergehen könnte.
Mein Egoismus, mein Hedonismus nimmt Raum ein, der eigentlich anderen eher gut täte. Und nein, es geht nicht darum mir den Raum zu verbieten – sondern darum ihn anderen nicht wegzunehmen.

Jetzt kommt natürlich die Frage auf: „was ist wichtig?“. Und wieso erlaubt sie sich etwas in wichtig und unwichtig einzuteilen.
Wenn ich mir die Bedürfnisse nach Dringlichkeit geordnet ansehe sind Luxusbedürfnisse nicht die, die ganz vorne stehen sondern sie stehen hinten an. Hinter allen anderen Dingen. Sie machen das Leben schöner, aber ich brauche sie nicht zum Überleben.
Natürlich ist das auch individuell und verschiebt sich durchaus, aber ich kann bei jeder Sache die ich haben oder machen möchte klar hinterfragen:
Brauche ich es zum Überleben?
Macht es mein Leben schöner/besser/bequemer?
Wäre es cool es zu haben?
Brauche ich es sofort?
Geht auch später?
Und damit ist ein wichtig <–> unwichtig für mich offensichtlich.

Ich wünsche mir mehr Bedachtsamkeit.
Mehr Nachdenken und mehr Ruhe und Geduld, vielleicht auch Genügsamkeit. Vor allem auch in konsumtechnischer Hinsicht.
Der Trend immer alles haben zu müssen und am besten gestern und die fast aggressive Ungeduld wenn es nicht klappt ist irgendwie mehr als befremdlich. Manchmal erscheint es, als ob ein Zwang da wär mitzuhalten oder andere zu übertrumpfen um Anerkennung, Freunde oder Respekt zu finden.

Und warum kümmert es mich ob andere sich ihre Hobbys und ihren Spaß (von Fremden) bezahlen lassen, warum ist es mir nicht egal?
Mir ist es auf die Person bezogen egal..
Aber mir ist es nicht egal wenn ich damit direkt konfrontiert werde. Wenn in meine Timeline immer mehr solche Anfragen gespült werden. Es ist wie an Weihnachten wo alle Hilfsorganisationen sich mit Spendenaufrufen übertrumpfen, es ist too much.
Und mir ist es nicht egal, weil ich finde dass das „Hauptsache ich und Hauptsache ich bekomm es und Hauptsache schnell“ nicht gut für unser gesellschaftliches Miteinander ist…