Poesiealbum

Gestern Abend tauchte in meiner TwitterTimeLine kurz das Thema Poesiealbum auf. Da ich meine Tagebuch/Poesiealbumsschublade gerade parat liegen habe brauchte ich heute nur nach links greifen – und schon hatte ich meine beiden Alben in der Hand.
Danke an @cloudette_ und @MrsCgn für die Anregung nach langer Zeit durch meine Alben zu blättern.

Die älteren werden Poesiealben bestimmt noch kennen.
So mit 11 oder 12 ging es los, kleine, quadratische Büchlein (meistens mit gepolstertem Stoffeinband) mit leeren Seiten wurden in der Schule herumgereicht mit der Bitte, eine Kleinigkeit zu schreiben. In den Ecken oder oben auf der Seite stand hauchfein mit Bleistift die Stelle wo wer reinzuschreiben hatte, damit auch ja niemand vergessen wurde.
Lehrpersonen wurden ebenso einbezogen wie Verwandte.
Poesiealben hatten nur die Mädchen. Jungs hatten diese fertig vorgedruckten Bücher „Meine Schulfreunde“, wo einige Fragen wie Lieblingsessen und Lieblingslehrer beantwortet werden sollten.

Wir nannten die Alben „Pösi“-Album oder nur „Pösi“ – mit der Betonung auf dem Ö.

Meine Mutter erzählte, dass früher Sinnsprüche, manchmal auch Bibelsprüche hingeschrieben wurden, natürlich in allerallerschönster Schrift, dazu ein oder zwei Oblatenbildchen* – fertig war der Eintrag.

Poesiealbuminnen

Innenseite mit Kinderbild von mir und den typischen Oblatenbildchen

Und so war es auch zu meiner Zeit, wobei es keine Bibelsprüche mehr gab, dafür querbeet alles was das Herz begehrt an Sinnsprüchen, Weisheiten und typischen Poesiealbumsprüchen. Oblatenbildchen waren nicht mehr „in“, die meisten haben selber gezeichnet, gemalt – oder Aufkleber dazu geklebt.

„Sei immer froh und heiter wie der Spatz aufm Blitzableiter“
„Wenn Regentropfen leise an Dein Fenster klopfen, dann denke leis bei Dir, das sind Grüße von mir“
„Sobald man in einer Sache Meister geworden ist soll man in einer neuen Schüler werden“

Ich hatte zwei solcher Büchlein.
Meine Eltern schenkten mir eines zum 7. Geburtstag, und ihre Einträge sind die ersten. Danach folgen Onkel und Tanten, Großeltern und Familienfreunde. Das Album wurde schnell ein sehr persönliches Büchlein mit Fotos oder Zeichnungen. Und es war mir lieb und teuer, und ich wollte nicht, dass es in falsche Hände gerät.
Da ich in meiner Klasse keinen guten Stand hatte war es mir zu riskant. Außerdem war damals die Zeit der Filzstifte groß und auch die Mode Ecken umzuknicken – und mein geheiligtes Büchlein sollte sicher und wohlbehütet bleiben.
So gab ich es nur an die Lehrer und Lehrerinnen weiter.
Von 1988 bis 1991 war das Album verschollen: es wurde mir nicht mehr zurückgegeben, die Person zog weg und war nicht mehr erreichbar. Ich weinte bittere Tränen und war sehr enttäuscht. Durch Zufall traf die Person meinen Vater und gab ihm etwas später das Buch verspätet wieder. Ich weiss noch, dass ich gegrinst habe wie ein Honigkuchenpferd und sehr glücklich war.
1997 (mit mittlerweile 21) gab ich es an zwei sehr sehr gute Freundinnen weiter und ihre Texte sind auch die letzten Einträge.

Poesiealbum2

Doppelseite von 1987, mit Bleistiftzeichnung

Das andere Büchlein wanderte bei mir wie bei allen anderen durch die Klasse und wurde fleißig befüllt, es wurde wider Erwarten auch pfleglich damit umgegangen. Irgendwie ist ein Poesiealbum schon etwas besonderes gewesen. Die meisten gaben sich auch große Mühe mit ihren Einträgen.
In der Oberstufe war ich Patin einer 4. Klasse, und ich musste in sehr viele Alben schreiben. Als die Kinder mitbekamen, dass auch ich ein solches Album habe rissen sie sich förmlich darum hineinschreiben zu dürfen.
Es ist innen sehr bunt, voller Aufkleber, Kinderzeichnungen und und und und.

poesiealbum3

Eintrag einer Mitschülerin

Beide Poesiealben sind Erinnerungen, sind „Vergissmichnicht“ und sie durchzublättern war komisch. Der Zahn der Zeit hat ordentlich genagt und die Seiten sind vergilbt und ich musste sehr vorsichtig sein damit sie nicht zerbrechen.
Fast schon eine andächtige Stimmung.
Und gerade bei dem „ErwachsenenAlbum“ musste ich mich schon das ein oder andere Mal räuspern.

Gibt es so etwas heute eigentlich noch, klassische Poesiealben?

 

 

 

*Oblatenbildchen sind Papierbilder, die aus Bögen ausgeschnitten wurden, wo mehrere Bildchen mit kleinen Papierlaschen zusammengehalten wurden. In der Wikipedia steht hier ein guter Artikel dazu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Glanzbild

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Fernsehen

Heute ist StarWars Day, und überall ist zu lesen, wann und wo und wie toll die erste Begegnung mit einem Starwarsfilm war: als Kinder geschaut oder von den Eltern „in die Macht eingeweiht“ oder was weiß ich.

Und ich?
Ich bin ohne Fernseher aufgewachsen.
Es gab keinen daheim. Es gab Radio, Bücher, Spiele. Aber keinen Fernseher. DEN gab es zu EM/WM/Olympia – ausgeliehen beim örtlichen Elektronikgeschäft. Und ganz ganz manchmal auch so übers Wochenende. Anfangs in schwarzweiß.
„Bist Du in einer Sekte?“
„Gehörst Du zu einer anderen Religion?“
„Seid Ihr Ökospinner?“ – das waren alltägliche Fragen für mich, wenn ich sagen musste „nein, kenne ich nicht, wir haben keinen Fernseher“.
Wir waren weder in einer Sekte, noch religiös (ich bin nicht mal getauft). Ok, meine Eltern waren solche „linken Spinner, Ökos“. Aber auch das war nicht der Grund für die fernsehlose Zeit.
Meine Mutter erzählte, als ich klein war und draußen vor der Tür spielte mit all den anderen Kindern gingen um kurz vor sechs abends die Fenster auf und die Mütter riefen ihre Kinder rein zur Sesamstraße. Meine Mutter fand das so furchtbar, dass die Kinder aus dem schönsten und fröhlichsten Spiel gerissen wurden nur damit ferngesehen werden konnte, dass sie beschloss den Fernseher „abzuschaffen“.
Wir haben viel Radio gehört und gelesen und gespielt. Viel Zeit miteinander verbracht.
Manchmal bin ich zu IKEA geradelt, IKEA war bei uns im Ort damals, und habe dort Asterix geschaut. Immer und immer wieder.
Wir waren mit der Grundschulklasse mal bei einer Aufzeichnung von 1 2 oder 3. ICH kannte die Sendung nicht, alle anderen schon, die waren total begeistert.
Ein wenig „Alienfeeling“

Die 80er sind fernseh(film)technisch komplett an mir vorbeigegangen. Ich kenne weder die Muppets noch die Sesamstraße. Ok, natürlich kenne ich sie, natürlich habe auch ich mal was davon gesehen. Aber ich kann nicht mal benennen wer da wer ist. Ebenso bei der Sendung mit der Maus und Löwenzahn/Pusteblume.
Als MTV auch in Deutschland zu sehen war und alle über die neuesten Musikvideos sprachen konnte ich nur mit den Achseln zucken.
Ende der 80er hatten meine Eltern dann einen Fernseher. Aufgrund des Schichtdienstes meines Vaters hatten meine Eltern getrennte Schlafzimmer, und das Zimmer meiner Mutter war sozusagen auch das Wohnzimmer, und da stand der Fernseher. Viel geschaut haben wir nicht. Mich reizte es kaum. Und die ganzen Filme, die damals kamen durfte ich nicht schauen. So eine MännlichkeitsHeroischeFrauenfeindlicheDummscheisse war tabu. Als mein Vater sich einen gebrauchten alten Fernseher für sein Schlafzimmer kaufte (30 Mark bei der AnnoncenAvis) konnte ich sehr selten mal etwas von dem Verbotenen erhaschen. Meine Mutter motzte die ganze Zeit rum, dass so eine Scheiße geschaut wird und dass es einen verderben würde und wie man so etwas nur gut finden könnte. Mein Vater ließ es an sich abprallen, und manchmal konnte ich halt mitschauen, meist war eh schon Familienkrieg. So hab ich den „weißen Hai“ gesehen und den ein oder anderen BudSpencerTerenceHill-Film.
Die WM 1990 haben mein Vater und ich auch auf dem alten Schwarzweiß-Kasten gesehen, der alle paar Minuten einen kräftigen Schlag auf die Seite brauchte, damit der Ton wieder kam.
Mit meiner Mutter wurde Anfang der 90er jedes Wochenende kuschelnd „mtv european top 20“ geschaut, das war schon irgendwie was Besonderes.

Bis heute haben Film und Fernsehen keine große Bedeutung für mich. Ich habe als Jugendliche ein oder zwei Sommer die Sommerkinoaktion mitgemacht und einige aktuelle Filme geschaut, aber Cineastin bin ich nicht geworden.
Als Studentin hab ich mir umgehend einen kleinen Fernseher gekauft, und ich habe einiges „nachgeholt“. Dabei gab es auch den ein oder anderen Film der mich faszinierte, meistens auf Arte oder Bayern3. Ich entdeckte die Filme Kieslowskys für mich und auch heute noch schaue ich sie, wenn ich mal mitbekomme dass sie im Fernsehen kommen.
Die meisten Hollywoodfilme erreichen mich nicht. Also sie sprechen mich nicht an. Sie sind teilweise ganz nett oder ok, oder auch mal cool – aber ich verfalle nicht in Jubelstürme.
Ich gehe auch nicht gerne ins Kino, mir ist das alles zu viel: zu laut zu unfrei zu überbordend zu viele Leute um mich rum.
Was nicht heißt dass ich nicht den ein oder anderen Film im Kino gesehen hab^^
Zoomania vor 4 Wochen war schon schick – ich war nach vielen Jahren mal wieder im Kino.

Und StarWars?
Ja gut. Diese Filme gibt es.
Und ich muss zugeben, sie hauen mich nicht vom Hocker.
Ich habe Krieg der Sterne 1986/87 in der Schule gesehen, im Englischunterricht (auf Deutsch), als der Lehrer keine Lust auf unterrichten hatte bzw. mal wieder anders beschäftigt war und uns ruhig stellen wollte, was meine Mutter sehr erzürnte (sie hielt diese Filme für männerheroisierende Kackscheisse, welche nicht geschaut werden durfte). Die meisten kannten den Film, eigentlich alle, und waren begeistert. Ich habe mich gelangweilt, ich fand den furchtbar. Ich verstand nicht, was daran so toll war. Das einzig coole war das Ende, der explodierende Todesstern. Das war spannend, das hat mich beeindruckt. Aber der Film an sich – ne, den musste ich nicht haben.

2001 lernte ich meinen heutigen Mann kennen, und der brachte mir irgendwann Episode1 mit, ich weiß nicht mehr wann. Und jaaa, ok, Episode1 gefällt mir. Gefällt mir sehr. Das Podrace, die Musik – der Film ist schon sehr cool. Rückwirkend habe ich auch nochmal die anderen Teile gesehen, bzw. da mal reingeschaut. Sie hauen mich immer noch nicht vom Hocker, sie bedeuten mir nichts, und ich hab sie nicht mal aufmerksam zu Ende gesehen weil ich sie unansprechend und langweilig fand.
Aber Episode1 – joaaaa, den hab ich wohl mehrfach mittlerweile gesehen ^^

Der ganze StarWars Hype ist an mir vorbeigegangen. Komplett. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn meine Eltern mich an einem gemütlichen Fernsehabend in diese Welt eingeführt und mich angesteckt hätten.

Aber:
Ich mag Lichtschwerter, Droids, die Kantine, Podraces.
Ich habe auch die Computerspiele gerne gespielt.

*Februar 1932 – †August 2015

Ich war vielleicht dreimal im Jahr bei meinen Großeltern, obwohl sie nicht weit weg leben. Aber die Besuche waren immer, vor allem als ich älter wurde, unerträglich.
Als kleines Kind gab es Eis, Süßigkeiten, Geschenke und Wurst aufs Brot, was es bei uns daheim nicht oft gab. Überhaupt Süßigkeiten. Es gab immer Berge davon, und es wurde immer gefressen wenn wir da waren.
Als ich älter wurde merkte ich, dass mir das Ganze nicht mehr so gefiel.
Klar hab ich gern süßes gegessen, zumal es zuhause sowas halt kaum gab.
Klar hab ich mich über den zugesteckten 20er gefreut.
Aber ich war politisch interessiert, meine Eltern nicht Mainstream. Und das passte irgendwie nicht zusammen, ich fand das Gerede furchtbar, die Hetze gegen alles was anders ist. Ausländer, Schwule, Linke und überhaupt.
Irgendwann verweigerte meine Mutter die Besuche. Sie ertrug sie nicht mehr, auch nicht die unterschwellige Missachtung ihr gegenüber.
Wir waren alle nicht wichtig, wir konnten nix und uns wurde nicht wirklich zugehört. Ich erzählte von meine Musik oder anderen Dingen – und wurde unterbrochen oder es wurde benutzt um sich selber in den Mittelpunkt zu setzen. Ein „das ist gut“ oder „das finde ich toll“ gab es nie.
Aber Geld. Und Süßkram.

Meine Großmutter wurde im Laufe der Jahre immer dicker, und ging nicht mehr raus, schaute ausnahmslos Naturfilme und las wenn dann die Bild oder ein Rätselheft. Einkaufen ging mein Großvater. Als einer der beiden zur Kur sollte ging es nicht problemlos. Es durfte keiner allein zu Hause bleiben, und der andere musste mit. Krankenhausaufenthalte wurden so zu Problemen, weil „ich kann ihn/sie ja nicht allein lassen“. Trägheit dominierte das Bild, Ignoranz und Verachtung allen anderen Gegenüber.
Als wir meinem Großvater zum Geburtstag mal einen kleinen Weltempfänger schenkten, weil er technisch doch interessiert ist und so was zum Drehen und Basteln hätte – leuchteten seine Augen auf als er ihn in der Hand hatte. Und nur wenige Augenblicke später machte meine Großmutter alles zunichte „wir sind zu alt, wir können sowas nicht mehr, sowas ist nichts mehr für uns“. Bei meinem Großvater erstarb das Leuchten. Das tat weh zu sehen.

„Pass auf dass Du nicht so wirst wie Deine Großmutter.“
„Das sind die G.schen Gene, da musst Du aufpassen, schau Dir Deine Großmutter an“
„Die Gene der Familie sind nicht gut, taugen nicht“
„nichts leisten und nichts geleistet haben – aber anderen vorwerfen dass sie was erreichen wollen…“
„Die hat doch keine Depression“
„Wie, Depressionen hast Du, ja Deine Großmutter ja angeblich auch“
„Der Menschenschlag aus Ostholstein ist so, die ticken ein wenig seltsam“

Unendliche solcher Kommentare seitens meiner Mutter prägten mich seit meiner Jugend.
Mir tat mein Vater leid, der damit ja auch immer wieder runtergemacht wurde.

Als ich ausgezogen war zu Hause hab ich meine Großeltern noch einige Male besucht, es dann aber immer mehr gelassen, das letzte Mal nach längerer Besuchspause war ich am Bundestagswahltag da. Mein Mann ertrug es kaum und wollte gleich wieder weg.
Der Kontakt beschränkte sich lange nur auf Telefonate zu den Geburtstagen, die auch immer kürzer und noch unerfreulicher wurden.
Jahrelang wurde steigernd von Depressionen erzählt, davon dass nichts mehr geht, dass keine Medikamente helfen würden.
Jeder Ratschlag, jedes Hilfeangebot wurde brüsk abgelehnt. Von Duschhilfe, Hausnotruf über Fahrten zu Ärzten etc. – alles war falsch und kam einem Affront nah. Mein Großvater half meiner Großmutter beim Waschen, beim Toilettengang, beim Anziehen – er machte alles für sie. Und sie nörgelte nur über alles.
Für meinen Vater muss das alles noch schlimmer gewesen sein als für mich.

Vor einigen Wochen verstarb meine Großmutter.
Mit 83.
Und selbst in den letzten Tagen/Wochen verweigerten beide jede Hilfe, der Hausnotrufinstallateur wurde wieder weggeschickt, der Pflegedienst durfte auch nur einmal am Tag kommen und ein dringend benötigtes Pflegebett wollten beide ebenfalls nicht. Meine Oma wollte niemanden da haben und alles sollte mein Großvater erledigen. Windeln wechseln, waschen etc. Der Gute ist ebenfalls Anfang 80 und nicht wirklich fit.
Beerdigt wurde sie mittlerweile wohl, wie gewünscht anonym.
Ohne Feier ohne alles – es ist ja auch keiner da der da hätte hingehen können.
Es wird eine Rechnung geben und damit ist das Thema Großmutter erledigt.
Irgendwie komisch.

Vor einigen Tagen telefonierte ich mit meinem Großvater, wollte schauen wie es ihm geht.
Und ich war total überrascht.
Er klang gelöst, fast fröhlich. Und wirkte nicht wie ein frischer Witwer.
Er erzählte wie sie gestorben ist und was er alles noch gemacht hat und dass es ja doch irgendwie ging.
Und dann meinte er dass es wohl besser so ist. Dass sie tot ist. Dass er nun seine Sachen machen kann, nun darf er ungestört seine Figürchen auf dem Schrank abstauben. Und er hätte da Freude dran.
Dann erzählte er sehr offen (auch das hat mich mehr als überrascht) davon, dass meine Großmutter schon seit langer Zeit immer wieder drum bettelte dass er sie umbringt, mehrmals täglich. Sie würde nicht mehr wollen und er soll das erledigen. Er hat alle Medikamente versteckt und aufgepasst und es ihr irgendwie noch mehr recht gemacht. Aber umbringen, nein das konnte er nicht nach fast 60 Jahren Ehe. Und er fand es auch nicht gut dass sie ihm diese Bürde auferlegen wollte.
Und deswegen sei es gut dass es nun zu Ende sei. Für sie. Und auch für ihn.
Und er erwartet das versprochene „Rentnerhandy“ für Notfälle mit einer gewissen Neugier. Ich hoffe, mein Vater hat so ein Handy mittlerweile bekommen.

Ich freu mich, wenn mein Großvater nun noch einige Jahre hat, und ich denke ich werde häufiger mit ihm telefonieren, so offen und witzig hatte ich ihn bisher nie erlebt.
So hat der Tod meiner Großmutter irgendwie doch vielleicht einiges Gutes.

Aber das Ganze rund um „bring mich um bring mich um“ liegt mir wie ein Stein im Magen. Ich sag ja immer wieder dass mensch niemanden aufhalten kann und auch nicht unbedingt soll.
Wer nicht will will halt nicht.
Aber andere es machen lassen? Wenn es selber noch geht? Das finde ich so frech, so gemein und das macht mich wütend.

Und – ich vermisse meine Großmutter nicht und ihr Tod hat mich völlig kalt gelassen. Ich weiß nicht ob ich „mehr“ erwartet hab.

NaBloPoMo Tag 16 – Traumhaus

#16 Traumhaus – Wie sähe dein Traumhaus aus, wenn du eines hast.

Ich verplane regelmäßig unseren nichtvorhandenen Lottogewinn. Schon als ich klein war haben wir in der Familie gerne Luftschlösser gebaut^^ Und am meisten Planung ging und geht immer in die Behausung.
Meinem Mann geht es glaub ich manchmal ziemlich auf den Sack, aber da muss er durch :o)

Also, wie sähe mein Traumhaus aus.
Stilistisch ist es mir total egal, es kann alt sein oder neu. Faszinieren/reizen tun mich allerdings alte Schulgebäude oder alte Bahnhöfe, oder ein altes Gutshaus mit Nebengebäuden. Ich bekomme oft ein gewisses wehmütiges Gefühl wenn ich diese verfallenen Bahnhöfe im Brandenburgischen z.B. sehe, die sind so herrlich groß und zeugen von einer längst vergangenen feudalen Bahnzeit. Alleine die Warte/Eingangsbereiche voller Kacheln und Platz – hach, ein Gedicht.

Ich brauche nicht viel Platz für irgendwelchen modernen Kram oder BlingBling, ich brauche keinen riesigen Swimmingpool und bin an sich auch eher zweckmäßig orientiert was die Räume und den Platzbedarf betrifft.
Ich hätte ich gerne ein Zimmer und ein Bad für jeden, und dann halt das Übliche: anständige Küche, Gästezimmer, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Essbereich, ein Raum für Kleidung, Waschmaschine usw. Alles aber nicht übermäßig groß oder protzig.
Dazu kommt ein Fitnessraum mit einigen Geräten, ein Musikzimmer mit allen Instrumenten die das Herz begehrt, ein Atelier für mich mit viel Platz zum Malen und Schreiben und Werkeln etc. Und ein kleines Heimkino mit super Surroundsound für meinen Mann.
Wir haben ein gewisses Faible für Flipper, die ja nicht gerade klein sind, da wäre ein gut ausgebautes Nebengebäude wunderbar, schön sauber mit geradem Untergrund. Und da würden wir uns unser Flipperparadies aufbauen.

Das wichtigste an allem ist aber, dass es keine Barrieren gibt. Ich selber bin etwas gehandicapt, und wir werden ja auch nicht jünger. Also sind alle Räume mit entsprechend breiten Türen und ohne Schwellen, die Duschen sind direkt begehbar, und es ist Platz für einen eventuellen Aufzug draußen am Haus.
Ich möchte in diesem Haus alt werden – mit allen Gebrechen und Schwächen die einen in naher oder ferner Zukunft ereilen können.

#WasAndersWäre

Ich weiß gar nicht, wie und bei wem ich über das Blogstöckchen „#WasAndersWäre“ gestolpert bin, aber ich fand die Fragen so reizvoll, dass ich mir das Stöckchen geschnappt hab und einfach mitmache ^^
Die UrsprungsIdee kommt hierher: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/05/blogstoeckchen/
Ich hab noch keine anderen Antworten gelesen und geh das ganze völlig unbeeinflusst und völlig frei an – und freue mich darauf all die anderen Antworten zu lesen.
Und da ich kaum jemanden kenne und nicht wüsste wem wie und wo ich des Stöckchen weitergeben könnte leg ich es einfach wieder dahin, wo ich drüber gestolpert bin ;o)

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?
Ich bin Mitte der 70er in einer spießigen holsteiner Kleinstadt aufgewachsen, in der das eigene Häuschen, das Auto und die Benetton-Klamotten wichtiger waren als alles andere.
Meine Eltern waren politisch aktiv, Grüne der ersten Stunde, Erstabonnenten der Taz und der Emma. Ich bin als kleines Mädchen auf den Schultern meines Vaters auf unzähligen Demos gewesen. Ich bin groß geworden mit dem Wissen dass die Welt scheiße und ungerecht ist, und dass man immer kämpfen muss und sich nichts gefallen lassen darf, und dass erst dann Weihnachten gefeiert werden kann wenn Weltfrieden herrscht.
Und es gab für mich keine geschlechtertypischen Grenzen. Ich hatte einen Fußball, kickte auch gerne, ich spielte mit Autos und mit Puppen, tobte draußen rum und prügelte mich auch mal. Ich durfte keine Barbiepuppe haben, da sie ein schreckliches Frauenbild vermitteln würde. Meine Mutter arbeitete und mein Vater arbeitete und beide schmissen den Haushalt, da gab es keine typische Rollenverteilung. Und für mich war es selbstverständlich später zu arbeiten und für meine Leistung akzeptiert zu werden, es war mir fremd mich zu schminken und aufzuhübschen. Und nur Mutter sein und daheim rumhängen kam mir nie in den Sinn, war nie mein Ziel.
Ich bin nun ziemlich untypisch aufgewachsen und war mir der Machtstrukturen und Unterschiede immer bewusst, vor allem im Vergleich mit meiner Umgebung.

Meine Mutter wäre mit einem Sohn nicht so glücklich gewesen. „Ach je, nen Junge“ „Schade, keine Mädchen“ „neee, ein Junge, ich glaub das wäre komisch gewesen“ „ich glaub ich wüsste auch nicht was ich mit einem Jungen hätte anfangen sollen“. Äußerungen so oder so ähnlich gab es immer wieder. Ich weiß nicht, ob ich als Junge wirklich anders erzogen worden wäre, und ich denke auch, dass meine Mutter genauso gut mit mir klargekommen wäre wäre ich kein Mädchen. Allerdings wäre ich immer auf der Täterseite, bzw immer auf der bevorteilten Seite und würde deswegen wahrscheinlich in vielen Dingen eingeschränkt worden sein, und eventuell hätte ich ein latent schlechtes Gewissen bekommen, weil meine Mutter mich das stets hätte spüren lassen.
Ich weiß nicht ob ich Karate gemacht hätte. Vermutlich nicht.
Ich weiß nicht ob meine Gewichtsprobleme genauso wichtig gewesen wären. Vermutlich nicht.
Ich weiß nicht ob ich in Mathe hätte schlecht sein dürfen. Als Mädchen durfte ich das nicht, weil ein Mädchen alles können muss und sich ja nicht einreden lassen soll es könne etwas nicht.
Ich weiß nicht ob ich dieselben Sicherheits/Verhaltensregeln eingebläut bekommen hätte. Vermutlich nicht.
Ich weiß nicht ob meine Mitschüler auch darum gewettet hätten mich ins Bett zu bekommen wäre ich ein Junge gewesen. Vermutlich nicht.
Ich weiß nicht ob ich genauso aus dem Job gemobbt worden wäre wäre ich ein Mann gewesen. Vermutlich nicht. Einem Mann hätte man nicht gesagt man würde ihm den technischen Teil nicht zutrauen.
Was wäre also anders heute.
Ich würde sicherlich sicherer durch die Gegend gehen, würde nicht Fluchtwege im Vornherein abchecken und hätte wahrscheinlich nen Job. Ich müsste nicht bei allem einplanen irgendwo eine Toilette auf dem Weg zu haben, weil ich ja notfalls hinter einen Baum gehen könnte. Ich hätte keine monatlichen Verblutungsarien gehabt und würde problemloser Klamotten in meiner Größe bekommen.
Ich würde mich respektierter fühlen, und man würde mir mehr zutrauen und nicht mit „Tittenbonus“ kommen oder mit schlechten Witzen. Es wäre selbstverständlich dass ich gerne Computerspiele spiele und ich hätte natürlich alle Rechte und könnte kommentarlos alles machen.
Und ich hätte vielleicht meinen Kindheitstraum verwirklichen können und hätte Lokführerin werden können, damals war es für Frauen so gut wie unmöglich: Kein Klo, keine Umkleiden, keine technische Ausbildung (die Voraussetzung war). Ich fand das immer blöd, mittlerweile sieht das auch alles etwas anders aus als in den 80ern.
Und als Mann hätte ich auch eine andere Einstellung zum Sex. Ich könnte problemlos in einen Puff gehen. Und ich wäre irgendwie immer der stärkere, mächtigere Part, der der gibt. Und nicht die, die empfängt und aufnimmt. Als Jugendliche dachte ich oft, als Junge wäre Sex einfacher und Selbstbefriedigung auch, überhaupt wäre es schöner und einfacher zu handhaben. Vermutlich liege ich da falsch, aber in meiner Vorstellung war alles viel einfacher und schöner und überhaupt.
Das Gras auf der anderen Seite und so…

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?
Ich kannte in meiner Nachbarschaft alle Fluchtwege, alle Seitenstraßen. Und ich hatte immer den Schlüsselbund in der Hand, ein Schlüssel zwischen den Fingern.
Wenn ich allein in Bus und Bahn unterwegs war hab ich mich immer in die Nähe des Fahrers gesetzt, immer in den vorderen Zugteil.
Manchmal, wenn ich mit Unbekannten spiele oder für mich unbekannte virtuelle Welten erkunde, gehe ich Geschlechterfragen aus dem Weg oder gebe mich als Mann. Einfach damit Ruhe herrscht und ich „frei“ sein kann. Und ich stehe nicht wirklich auf Anmache.

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?
Ich unterlasse nichts (bewusst!!!) weil ich eine Frau bin. Ich mache was mir gefällt und was ich verantworten kann.
Ich fluche „undamenhaft“, ich zocke, ich schaue Pornos. Ich mag Fußball, ich trinke ab und an ein Bier. Ich mag Dmax schauen. Vermutlich würde ich dasselbe als Mann genauso tun ;o)

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?
Mh… Mir hat nie jemand etwas direkt aus der Hand genommen mit den Worten „eine Frau kann das nicht“.
Klar werden einem öfters Klischees unter die Nase gehalten „Tittenbonus“ „Blondine“ „Frauen können das nicht“ – aber niemand hat mir mit solchen Sprüchen versucht Sachen zu verbieten, oder mich anders zu beeinflussen. Ich würde es auch nicht zulassen.
Auf der Arbeit war es anders, da hielt der Chef nichts von mir, ich sei dem ganzen technischen Kram nicht gewachsen (ich hatte sogar die Anleitungen für die Anwendungen geschrieben *hust*für Kollegen die mit dem Einfingersuchsystem getippt haben), und irgendwie war ich auch nicht ladylike genug. Man nahm mich nicht für voll, und ich vermute stark dass ich als Mann da keine Probleme gehabt hätte – oder mit dem gewissen Schick und Schminke und einem abendlichen Getränk beim Pseudooktoberfest Pluspunkte hätte sammeln können. Jeans und Hemd/Tshirt/Pullover ist für einen Mann ok – für eine Frau wohl nicht.
Und in der virtuellen Welt hab habe ich oft feststellen müssen dass meine Meinung, meine Ideen und Vorschläge viel weniger Wert sind als die meiner männlichen Mitstreiter. Einer Frau zuzuhören ist für einige fast unmöglich. Sich evtl. sogar kritisieren lassen – das artet dann durchaus auch aus. Von einer Frau lassen sich manche nichts sagen.
Was mir extrem auf die Nerven geht, und mich auch beeinträchtigt, ist das Gefühl „Freiwild“ zu sein. Sobald ich mich als Frau zu erkennen gebe kann ich mir sicher sein mindestens eine private Nachricht zu bekommen wie nett ich sei oder ob ich single sei oder was eine so nette Frau allein im Spiel machen würde. Oder es geht direkter mit der Frage nach Cybersex (gab es sehr selten, aber gab es). Tauche ich dann noch im Voicechat auf ticken einige komplett aus. Ich hatte diverse Anfragen ob ich zu Telefonsex bereit sei, ob ich nicht anrufen wolle und was vorlesen wolle, meine Stimme sei so antörnend. Selbst Männer, mit denen ich seit Jahren zusammen spiele kommen irgendwann mal um die Ecke mit der Frage ob mein Mann schlafen würde, und dass sie nun Zeit für ein Gespräch hätten. Und dass ich bestimmt sehr sexy sei, also die Stimme würde sie ja schon wuschig machen. Dann kommen detailliertere Vorstellungen wie ich wohl aussehen würde und und und und.
Zum Glück gibt es genug die nicht so ticken, und ich versuche den aufdringlichen Idioten aus dem Weg zu gehen und sie zu ignorieren.

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.
Um mein Studium zu finanzieren habe ich als Kassiererin gearbeitet, und zu dem Job gehörte auch das Aus- und Umpacken der Ware. Leergut sortieren, volle Getränkekisten umstapeln oder schwere Konserven auspacken war zum Glück den männlichen Mitarbeitern vorbehalten. Und ich vermute als Student hätte ich den Job an der Kasse gar nicht erst bekommen.
Und bei Fussballauswärtsfahrten als „alleinreisende junge Frau“ gab es immer jemanden der auf mich aufpasste, ich musste mir da nie Sorgen machen und Angst haben. Um einen Mann hätte sich niemand einen Kopf gemacht.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?
Ich kenne solche Situationen nur aus Videospielen, wo die Kontaktzeit nur sehr kurz und nur ein rudimentärer Chat vorhanden ist. Da fragt niemand. Es spielt auch keine Rolle bei einigen Schnetzelrunden in Diablo ob die anderen in der Gruppe m oder w sind. Oder beides. Oder nichts davon. Ich hab nie darüber nachgedacht mit wem ich da spiele.
Oder gegen wen bei anderen Spielen.
Und „draußen“. Keine Ahnung ob es solche Situationen gibt. Ich würde gerne ganz viele Sachen aufzählen, aber mir fällt nichts ein.

2014

Weil es grad so in Mode ist – gibt’s auch einen von mir: mein kleiner Jahresrückblick – etwas holperig und ungeübt. Aber meiner ^^

Es war ein Jahr

mit vielen Samstagnachmittagen vorm Radio
Fußball hören.
Fast abgestiegene Hamburger, fast aufgestiegene Hamburger, dominierende Bayern. Und der Verlust der goldenen Tippkrone in allen Ligen. Und die erschreckende Platzierung des BVB zum Jahresende.

mit der Fußball WM
Einige interessante Spiele, viel Dusel und eine dummblödsinnige Abschlussfeier in Berlin mit der Sirene und dem Gauchogate. „Wir“ sind Weltmeister. Wer ist eigentlich wir?

mit viel WOW
Wie seit Jahren. Viel gespielt. Alles erreicht, besondere Mounts bekommen. Aber auch erschreckende Abgründe bei Mitspielern gesehen. Raffgier, Missgunst, Rassismus, Misogynie.
Werde mir im nächsten Jahr einen Twinkraid nur mit Frauen suchen. Hoffe so etwas gibt es…

mit einem Besuch im Haus der Eltern
Ich hab es im renovierten Zustand das erste Mal gesehen und finde es wunderbar urig und gemütlich. Meine Eltern betonen immer wieder, dass es mal mir gehören wird. *hust*

mit dem Entdecken von Twitter
Das Facebook von heute. Schlagzeilen, Katzenbilder, gifs. Und Machtspielchen. Wer die meisten Likes hat hat die Wahrheit gepachtet. Es gibt nur zwei konträre Seiten auf 140 Zeichen.
Aber auch interessante Hashtags, die Mut gemacht haben.
Interessante Menschen, deren Blogs ich via Twitter gerne entdeckt habe und die meine Gedanken in Wallung gebracht haben und bringen.

mit Abhörungen und Indiskretionen
Bekanntwerden von dreisten Abhörungen und Spionage. Selbst in höchsten Regierungskreisen. Und mittlerweile scheint es kaum noch jemanden aufzuregen wenn abgehört wird. Auf echtem Papier getipptes wird wieder „in“. Und am Telefon verabredet man sich.
Die USA sind „gestorben“ dabei wollte ich immer mal nach NY und auch mit dem Wohnmobil durchs Land fahren. Aber ne, ich verzichte, da gibt’s keinen Cent von mir

mit Gamergate
Erschreckende Auswüchse, die bis zu Bekannten vorgedrungen sind. Aber diese Abgründe haben mich nicht wirklich erstaunt. Ich bin nun noch vorsichtiger als ich eh schon bin mit dem was ich von mir im Netz stehen habe.

mit Rechten Idioten
Pegida, afd, hogesa, [irgendwas]gida. Dreiste Rechte sammeln sich und ziehen vernebelte eingelullte Kleingeister hinter sich her. Mit dummen Parolen werden Ängste geschürt und Menschen angelockt, die es nicht anderes wissen und nicht anders können. Ich weiss nicht, wer gefährlicher ist: die Manipulierten oder die Manipulierer. Es ist erschreckend. Erschreckend aber auch: die fehlende Mitte. Faszinierend wie kleingeistig manche Menschen in der direkten Umgebung sind.

mit der fehlenden Mitte
Extreme die aufeinander prallen. Zwei Seiten die von sich behaupten die bessere zu sein. „Bist du nicht auf meiner Seite bist Du automatisch auf der anderen, Bist Du nicht für mich bist Du gegen mich“ Ein Dialog findet nicht statt. Er ist auch nicht gewollt. Auf einmal ist man nicht frau genug, schwarz genug, lesbisch genug, schwul genug, behindert genug, xyz genug um etwas sagen zu dürfen. Mensch zu sein reicht nicht mehr.

in der Kontinuität des Gesterns
Die Jahre, Monate, Tage gleichen sich. Sind sich ähnlich, haben wenig Varianz. Es plätschert wie eh und je.

Und es war ein Jahr voller Dinge die ich tun wollte und nicht getan habe. Weil ein Tag doch zu wenig Stunden hat. Und weil die Zeit viel zu schnell vergeht.

Und was kommt ab morgen?
Genau dasselbe wie bisher.
Weil morgen nur ein Tag nach Heute ist.

Weihnachten

Damals, als ich klein war gab es Weihnachten auch für mich.
Mit Weihnachtsbaum, den Großeltern, Bescherung.
Jedenfalls erzählt das meine Mutter.
Fakt ist: ich kann mich an kein Weihnachtsfest erinnern, auch nicht wenn ich Fotos sehe.
Irgendwann, ich war noch in der Grundschule, wurde „Weihnachten abgeschafft“.
Bei uns.
Kein Baum, keine Bescherung, keine Großeltern. Weil meine Mutter fand, dass es ein Fest des Friedens, des Miteinanders nicht geben kann, solange es Krieg gibt, solange an Weihnachten Kinder und Frauen verprügelt werden.
Geschenke gab es von da an an Silvester. Nach dem Feuerwerk und dem Sektanstoßen, sozusagen als Eröffnung des Neuen Jahres. In einem Wäschekorb gesammelt, mit Namensschildchen – und jedes Jahr verteilte wer anders die Geschenke.
Ich fand das nicht schlimm, eher cool. Ich kann mich nicht erinnern Weihnachten jemals vermisst zu haben.
Als ich älter wurde wurde Weihnachten zu einem Familienabend mit Skatspielen und Radio hören. Grüße von Bord. Jedes Jahr. Und danach Hannes Wader, Degenhardt und co.
Und es gab Bescherung für die Arbeitskollegen meines Vaters, die an Heiligabend arbeiten mussten. Schon das Geschenktütenpacken war großartig, und die Einkäufe bei der metro exorbitant; die Tüten verteilte mein Vater, das ein oder andere Jahr sind wir auch an Heiligabend mit dem Auto quer durch Norddeutschland gefahren. Einmal haben wir dem Fährmann auf der NordostseekanalFähre einen Weihnachtsmann geschenkt. Der hat fast geweint schien es mir…

Weihnachtserinnerungen sind für mich also losgelöst von Fressen, Saufen und Kommerz. Eher familiär, eine Mischung aus Alltag und „mal was anderes“, aber nie wirklich etwas Besonderes. Heute ist Weihnachten halt Weihnachten. Freie Tage. Und lecker Weihnachtssüßkram. Ich mag Stollen und Lebkuchen. Aber sonst nichts. Ich kann mit dem ganzen Weihnachtsgedöns auch nichts anfangen.

Mich nervt der ganze Kommerz, der ganze Rummel. Wie auf einmal gekauft wird, wie im Wahn. ICH.MUSS.SCHENKEN.WEIHNACHTEN.IST.MORGEN.HOPPLA.HIER.KOMME.ICH.
Weihnachten kommt jedes Jahr total überraschend, und plötzlich fällt ein, dass man ja was schenken muss. Und weil man sonst im Jahr kaum an den anderen denkt wird’s ein Geschenk mehr, oder auch zwei. Egaaaal. Also werden schnaufend Tüten und Pakete geschleppt, eine größer als die andere. Und dann der Stress mit dem Essen und dem Besuch und den Feiertagen und hat man alles und wird’s schmecken und und und und. Und im Hintergrund immer und immer wieder Last Christmas und all die anderen ausgenudelten sogenannten Weihnachtslieder.
Wer kennt eigentlich noch Weihnachtslieder? Ich meine, so richtige alte Weihnachtslieder? Die in der Kirche gesungen wunderbar sein können, die einen tragen und einen in der zarten Mehrstimmigkeit der Akustik alles vergessen lassen können?

Weihnachtstage sind ruhige Tage, auffallend still.
Im Netz ist weniger los. Und draußen auch.
Und eigentlich mag ich Weihnachten.
Genau deswegen.
Und nur deswegen.