Das Alter…

Dieser Text ist so etwas wie eine Antwort auf den Text von @makellosmag „Das war alles leichter mit 23“

Meine Mutter stellte zu meinem Geburtstag fest „Mensch Du bist ja jetzt auch schon 41“.
Ja, und?
Das ist nur eine gottverdammte Zahl.
Ich konnte mit diesem „Oh Gott, ich werde 20/30/40“-Panikgetue nie etwas anfangen. Ob 19 oder 20, 29 oder 30 – wo ist da der Unterschied. Was ändert sich denn von 29 auf 30? NIX. Der erste Tag mit 30 ist genauso gut oder genauso scheisse wie der mit 29.

In 9 Jahren bin ich 50.
In 19 Jahren bin ich 60.
Und das ist ok.
Wenn ich dann noch lebe.

Alt werden ist nicht schlimm.
Ich fand es nie schlimm und ich finde es immer noch nicht schlimm.
Wir sind nicht unsterblich, und der Verfall beginnt letztendlich schon mit der Geburt. Wir bejubeln das Erwachsenwerden von Kindern und verdrängen dabei, dass das schon deutliche Schritte hin zum Ende sind. Erst wenn von außen festgestellt wird dass Anzeichen xyz nicht erwünscht ist kommt die Panik. Da wird das Älterwerden plötzlich nicht mehr bejubelt und gefeiert.

Klar, manche Dinge sind mehr so einfach wie sie mal waren.
Mal eben eine Nacht durchmachen? Äääähm nein – spätestens um 3 ist Schicht im Schacht, und ich brauche einige Tage um mich davon zu erholen. Schade.
Auch dass meine Reaktion nicht mehr die einer 15jährigen ist finde ich blöd. Schnelle Spiele bzw. Charaktere in Spielen sind eher nicht mehr meines, ich komm da nicht mehr mit.
Kleinere Zipperlein tauchen auf, der Körper braucht für alles ein wenig länger und für vieles etwas mehr Erholung.
Aber gut, kann ich mit leben, es ist zwar schade, aber kein Weltuntergang.
Wechseljahre – zwangsweise abgehakt. Aber das ist ja so oder so ein Tabuthema, wird nur drüber getuschelt.
Schaue ich in meine Hände sehe ich das Alter. Es fasziniert mich wie runzelig Fingerkuppen und Handflächen werden können.
Graue Haare hab ich keine – ich werde silberweiß.
Und ich glaube das wird mal eine verdammt coole Haarfarbe.
Nix eisengrau – weiß silbrig. Da wird nix weggetönt oder blondiert, nee.

Ich ärgere mich wenn ich mal die Glotze anmache oder eine Illustrierte in die Hände bekomme.
Die Leute sind irgendwie alle glatt.
Jung, junggeblieben oder junggespritzt.
Alte Menschen sind wenig zu sehen. Vielleicht in Reportagen über Pflege, oder in der Apothekenumschau, oder es ist die Queen samt Ehemann.

Du musst nicht alt sein, man kann was dagegen tun, hier die Creme, da das Botox, und Straffen hier und Färben da. Keiner muss alt aussehen, alle sind wir jung und spritzig.
Alt sein wird als Makel verkauft.
Spuren des Lebens sind unerwünscht.

Was ist schlimm daran Falten im Gesicht zu haben? Graue Haare zu haben?
Was ist schlimm daran dass die Haut schlaff wird und die Brüste anfangen zu hängen?
Warum müssen wir immer und immer wieder beweisen dass wir sexy, hübsch und “optisch ansprechend“ sind?
Männer mit grauen Haaren und sichtbarem Alter sind lebenserfahren, stark, attraktiv. Frauen sind dann abgehalfterte Schabracken, unsexy und eine Zumutung. Und es wird gleich nachgeschoben dass Frau XY aber gerade voll toll etwas an sich hat machen lassen und schaut mal wie super sie wieder ausschaut.
Die Frau als Objekt.
So wie Mann sie gern hat: Sexy, knackig und jung. Und so lange wie es geht spielt Frau dann mit und unterwirft sich diesen Anforderungen, aus Angst nicht mehr beachtet oder gar „ersetzt“ zu werden.

Ehrlich, geht’s noch?
Was ist das für ein Spiel?
Warum zur Hölle sollen wir uns für unsere Falten schämen?
Warum können wir nicht einen gewissen Stolz haben und auch zeigen dass wir gelebt haben und uns nicht krampfhaft verjüngen?
Warum diese Lüge der „ewigen Jugend“?

Ich zocke gerne am Computer.
Ich höre gerne laute Musik.
Ich hasse Schlagermusik.
Ich fluche.
Und ich werde es auch morgen noch tun, und übermorgen und in 10 Jahren.
Und ich bin 41 und sehe auch so aus.
Und ich werde es auch nicht ändern.

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#WasAndersWäre

Ich weiß gar nicht, wie und bei wem ich über das Blogstöckchen „#WasAndersWäre“ gestolpert bin, aber ich fand die Fragen so reizvoll, dass ich mir das Stöckchen geschnappt hab und einfach mitmache ^^
Die UrsprungsIdee kommt hierher: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/05/blogstoeckchen/
Ich hab noch keine anderen Antworten gelesen und geh das ganze völlig unbeeinflusst und völlig frei an – und freue mich darauf all die anderen Antworten zu lesen.
Und da ich kaum jemanden kenne und nicht wüsste wem wie und wo ich des Stöckchen weitergeben könnte leg ich es einfach wieder dahin, wo ich drüber gestolpert bin ;o)

Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?
Ich bin Mitte der 70er in einer spießigen holsteiner Kleinstadt aufgewachsen, in der das eigene Häuschen, das Auto und die Benetton-Klamotten wichtiger waren als alles andere.
Meine Eltern waren politisch aktiv, Grüne der ersten Stunde, Erstabonnenten der Taz und der Emma. Ich bin als kleines Mädchen auf den Schultern meines Vaters auf unzähligen Demos gewesen. Ich bin groß geworden mit dem Wissen dass die Welt scheiße und ungerecht ist, und dass man immer kämpfen muss und sich nichts gefallen lassen darf, und dass erst dann Weihnachten gefeiert werden kann wenn Weltfrieden herrscht.
Und es gab für mich keine geschlechtertypischen Grenzen. Ich hatte einen Fußball, kickte auch gerne, ich spielte mit Autos und mit Puppen, tobte draußen rum und prügelte mich auch mal. Ich durfte keine Barbiepuppe haben, da sie ein schreckliches Frauenbild vermitteln würde. Meine Mutter arbeitete und mein Vater arbeitete und beide schmissen den Haushalt, da gab es keine typische Rollenverteilung. Und für mich war es selbstverständlich später zu arbeiten und für meine Leistung akzeptiert zu werden, es war mir fremd mich zu schminken und aufzuhübschen. Und nur Mutter sein und daheim rumhängen kam mir nie in den Sinn, war nie mein Ziel.
Ich bin nun ziemlich untypisch aufgewachsen und war mir der Machtstrukturen und Unterschiede immer bewusst, vor allem im Vergleich mit meiner Umgebung.

Meine Mutter wäre mit einem Sohn nicht so glücklich gewesen. „Ach je, nen Junge“ „Schade, keine Mädchen“ „neee, ein Junge, ich glaub das wäre komisch gewesen“ „ich glaub ich wüsste auch nicht was ich mit einem Jungen hätte anfangen sollen“. Äußerungen so oder so ähnlich gab es immer wieder. Ich weiß nicht, ob ich als Junge wirklich anders erzogen worden wäre, und ich denke auch, dass meine Mutter genauso gut mit mir klargekommen wäre wäre ich kein Mädchen. Allerdings wäre ich immer auf der Täterseite, bzw immer auf der bevorteilten Seite und würde deswegen wahrscheinlich in vielen Dingen eingeschränkt worden sein, und eventuell hätte ich ein latent schlechtes Gewissen bekommen, weil meine Mutter mich das stets hätte spüren lassen.
Ich weiß nicht ob ich Karate gemacht hätte. Vermutlich nicht.
Ich weiß nicht ob meine Gewichtsprobleme genauso wichtig gewesen wären. Vermutlich nicht.
Ich weiß nicht ob ich in Mathe hätte schlecht sein dürfen. Als Mädchen durfte ich das nicht, weil ein Mädchen alles können muss und sich ja nicht einreden lassen soll es könne etwas nicht.
Ich weiß nicht ob ich dieselben Sicherheits/Verhaltensregeln eingebläut bekommen hätte. Vermutlich nicht.
Ich weiß nicht ob meine Mitschüler auch darum gewettet hätten mich ins Bett zu bekommen wäre ich ein Junge gewesen. Vermutlich nicht.
Ich weiß nicht ob ich genauso aus dem Job gemobbt worden wäre wäre ich ein Mann gewesen. Vermutlich nicht. Einem Mann hätte man nicht gesagt man würde ihm den technischen Teil nicht zutrauen.
Was wäre also anders heute.
Ich würde sicherlich sicherer durch die Gegend gehen, würde nicht Fluchtwege im Vornherein abchecken und hätte wahrscheinlich nen Job. Ich müsste nicht bei allem einplanen irgendwo eine Toilette auf dem Weg zu haben, weil ich ja notfalls hinter einen Baum gehen könnte. Ich hätte keine monatlichen Verblutungsarien gehabt und würde problemloser Klamotten in meiner Größe bekommen.
Ich würde mich respektierter fühlen, und man würde mir mehr zutrauen und nicht mit „Tittenbonus“ kommen oder mit schlechten Witzen. Es wäre selbstverständlich dass ich gerne Computerspiele spiele und ich hätte natürlich alle Rechte und könnte kommentarlos alles machen.
Und ich hätte vielleicht meinen Kindheitstraum verwirklichen können und hätte Lokführerin werden können, damals war es für Frauen so gut wie unmöglich: Kein Klo, keine Umkleiden, keine technische Ausbildung (die Voraussetzung war). Ich fand das immer blöd, mittlerweile sieht das auch alles etwas anders aus als in den 80ern.
Und als Mann hätte ich auch eine andere Einstellung zum Sex. Ich könnte problemlos in einen Puff gehen. Und ich wäre irgendwie immer der stärkere, mächtigere Part, der der gibt. Und nicht die, die empfängt und aufnimmt. Als Jugendliche dachte ich oft, als Junge wäre Sex einfacher und Selbstbefriedigung auch, überhaupt wäre es schöner und einfacher zu handhaben. Vermutlich liege ich da falsch, aber in meiner Vorstellung war alles viel einfacher und schöner und überhaupt.
Das Gras auf der anderen Seite und so…

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?
Ich kannte in meiner Nachbarschaft alle Fluchtwege, alle Seitenstraßen. Und ich hatte immer den Schlüsselbund in der Hand, ein Schlüssel zwischen den Fingern.
Wenn ich allein in Bus und Bahn unterwegs war hab ich mich immer in die Nähe des Fahrers gesetzt, immer in den vorderen Zugteil.
Manchmal, wenn ich mit Unbekannten spiele oder für mich unbekannte virtuelle Welten erkunde, gehe ich Geschlechterfragen aus dem Weg oder gebe mich als Mann. Einfach damit Ruhe herrscht und ich „frei“ sein kann. Und ich stehe nicht wirklich auf Anmache.

Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?
Ich unterlasse nichts (bewusst!!!) weil ich eine Frau bin. Ich mache was mir gefällt und was ich verantworten kann.
Ich fluche „undamenhaft“, ich zocke, ich schaue Pornos. Ich mag Fußball, ich trinke ab und an ein Bier. Ich mag Dmax schauen. Vermutlich würde ich dasselbe als Mann genauso tun ;o)

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?
Mh… Mir hat nie jemand etwas direkt aus der Hand genommen mit den Worten „eine Frau kann das nicht“.
Klar werden einem öfters Klischees unter die Nase gehalten „Tittenbonus“ „Blondine“ „Frauen können das nicht“ – aber niemand hat mir mit solchen Sprüchen versucht Sachen zu verbieten, oder mich anders zu beeinflussen. Ich würde es auch nicht zulassen.
Auf der Arbeit war es anders, da hielt der Chef nichts von mir, ich sei dem ganzen technischen Kram nicht gewachsen (ich hatte sogar die Anleitungen für die Anwendungen geschrieben *hust*für Kollegen die mit dem Einfingersuchsystem getippt haben), und irgendwie war ich auch nicht ladylike genug. Man nahm mich nicht für voll, und ich vermute stark dass ich als Mann da keine Probleme gehabt hätte – oder mit dem gewissen Schick und Schminke und einem abendlichen Getränk beim Pseudooktoberfest Pluspunkte hätte sammeln können. Jeans und Hemd/Tshirt/Pullover ist für einen Mann ok – für eine Frau wohl nicht.
Und in der virtuellen Welt hab habe ich oft feststellen müssen dass meine Meinung, meine Ideen und Vorschläge viel weniger Wert sind als die meiner männlichen Mitstreiter. Einer Frau zuzuhören ist für einige fast unmöglich. Sich evtl. sogar kritisieren lassen – das artet dann durchaus auch aus. Von einer Frau lassen sich manche nichts sagen.
Was mir extrem auf die Nerven geht, und mich auch beeinträchtigt, ist das Gefühl „Freiwild“ zu sein. Sobald ich mich als Frau zu erkennen gebe kann ich mir sicher sein mindestens eine private Nachricht zu bekommen wie nett ich sei oder ob ich single sei oder was eine so nette Frau allein im Spiel machen würde. Oder es geht direkter mit der Frage nach Cybersex (gab es sehr selten, aber gab es). Tauche ich dann noch im Voicechat auf ticken einige komplett aus. Ich hatte diverse Anfragen ob ich zu Telefonsex bereit sei, ob ich nicht anrufen wolle und was vorlesen wolle, meine Stimme sei so antörnend. Selbst Männer, mit denen ich seit Jahren zusammen spiele kommen irgendwann mal um die Ecke mit der Frage ob mein Mann schlafen würde, und dass sie nun Zeit für ein Gespräch hätten. Und dass ich bestimmt sehr sexy sei, also die Stimme würde sie ja schon wuschig machen. Dann kommen detailliertere Vorstellungen wie ich wohl aussehen würde und und und und.
Zum Glück gibt es genug die nicht so ticken, und ich versuche den aufdringlichen Idioten aus dem Weg zu gehen und sie zu ignorieren.

Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.
Um mein Studium zu finanzieren habe ich als Kassiererin gearbeitet, und zu dem Job gehörte auch das Aus- und Umpacken der Ware. Leergut sortieren, volle Getränkekisten umstapeln oder schwere Konserven auspacken war zum Glück den männlichen Mitarbeitern vorbehalten. Und ich vermute als Student hätte ich den Job an der Kasse gar nicht erst bekommen.
Und bei Fussballauswärtsfahrten als „alleinreisende junge Frau“ gab es immer jemanden der auf mich aufpasste, ich musste mir da nie Sorgen machen und Angst haben. Um einen Mann hätte sich niemand einen Kopf gemacht.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?
Ich kenne solche Situationen nur aus Videospielen, wo die Kontaktzeit nur sehr kurz und nur ein rudimentärer Chat vorhanden ist. Da fragt niemand. Es spielt auch keine Rolle bei einigen Schnetzelrunden in Diablo ob die anderen in der Gruppe m oder w sind. Oder beides. Oder nichts davon. Ich hab nie darüber nachgedacht mit wem ich da spiele.
Oder gegen wen bei anderen Spielen.
Und „draußen“. Keine Ahnung ob es solche Situationen gibt. Ich würde gerne ganz viele Sachen aufzählen, aber mir fällt nichts ein.

Wem glauben wir?

Angeregt durch den Text auf kleinerdrei „wem wir glauben“ hab ich mir auch mal meine Gedanken gemacht und versucht aus meinem Kopfzahlenchaos etwas Allgemeineres zu formulieren. Etwas, was für alles anwendbar ist.
Und eigentlich ist es auch nichts neues, aber ich halte es dennoch mal fest ;o)

Wem glauben wir?
Wir glauben der Person der wir glauben wollen
– Weil es für uns bequem ist
– Weil wir keine Außenseiter sein wollen
– Weil wir unser „Bild“ von der Person nicht ändern müssen oder wollen
– Weil wir uns sonst z.B. eingestehen müssten, eine Person gut zu finden, die strafbar gehandelt hat, die frauenfeindlich, rassistisch, brutal etc. ist
– Weil die Person ein größeres Standing hat

Das meiste ist einfach. Klar sind wir gern bequem, und wer gesteht sich schon ein dass er/sie Musik/Film oder was auch immer von einer Person gut findet, die eigentlich ein totales Arsch ist, bzw. sein könnte.
Das Schwierige ist die Sache mit dem Standing.
Wie „errechnet“ sich das Standing, wie kommen wir zu unserem Urteil wer welches Standing hat?

Wir denken alle mehr oder weniger bewusst in Kategorien, auch wenn wir es eigentlich nicht wollen, aber ganz aus dem Weg gehen können wir dem Schubladendenken nicht, irgendwo ganz tief in uns drin ist es und blitzt manchmal doch stärker durch als wir uns eingestehen wollen.
Wir geben allen Menschen in irgendeiner Form so etwas wie „Glaubwürdigkeitspunkte*“. Wir checken blitzschnell ganz viele Eigenschaften ab, legen eine Art Raster an und teilen der Person einen nicht genau fassbaren Wert zu. Das Raster ist nicht greifbar und ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Es ist geformt von unserer Biographie, unserer Umgebung, der Gesellschaft in der wir leben.
Die Medien benutzen diese Raster ebenfalls, und bedienen gleichzeitig die vermutlichen Raster ihrer Leserschaft bzw. der Gesellschaft. Und so sind die Ergebnisse nach aussen hin oftmals eindeutig.

Und so schütteln die meisten den Kopf, denken sich ihren Teil und gut ist. Sie wollen nicht auffallen und sich keine Gedanken machen. Und da kommt wieder die Bequemlichkeit ins Spiel.

Nur wenige haben den Mut und die Kraft und das Rückgrat sich gegen den Strom zu stellen.
Nur wenige versuchen die eingefahrenen Denk- und Einteilungsmuster zu durchbrechen, denn dies ist nicht leicht, und es muss einem erstmal klar sein, ob man selber das Kriterium setzt – oder es einfach annimmt.
*
Ich habe versucht einzelne Kategorien wie Geschlecht, Rasse, Alter, Beruf etc. mit Zahlen bzw. Wertigkeiten zu füllen, und es war furchtbar.
Ich habe einfach mal willkürlich aus meiner Lebenserfahrung heraus Wertungen vorgenommen, die meiner Meinung nach tendenziell der Allgemeinheit nahekommen. Eine Person wurde so immer mehr zu einer Zahl und diese Zahlenjongliererei ist erschreckend. Ich mag diese Bewertungen nicht.
Ist „weiß“ mehr wert als „schwarz“, „berühmt“ mehr als „nichtberühmt“? Bekommt „Mann“ 10 Punkte und „Frau“ 2?
So bekommt ein weißer, berühmter Mann schon soviel Punkte, dass man ihm praktisch glauben muss. Eine Frau kommt erst dann in einen glaubwürdigen Bereich, wenn sie weiß, berühmt, reich und hübsch ist, und der Mann dagegen ein schwarzer, dummer Schwerverbrecher. Und selbst dann hängt es daran, wieviel Punkte die einzelnen Kategorien wert sind und welche Tat zugrunde liegt.
Und ich fühle mich unwohl, alleine weil ich überhaupt angefangen habe so mit Zahlen zu spielen…

Und weil ich irgendwie für mich selber auf so wenig Punkte komme….

Die Schublade Feminismus ist groß…

Die morgendliche Tour durch meine Twittertimeline verwirrt mich. Heute mehr als sonst. Ich werde irgendwie nicht warm mit Twitter. Dieses Schlagwortkurzformumsichgeschmeisse ist nicht unbedingt meines. Glaub ich. Und die Tweetsammlungen unter einigen Hashtags sind seltsame Ansammlungen von Jubelbekundungen oder Hasstiraden…Als ich vor einigen Tagen die EMMA im Briefkasten hatte hab ich mich gefreut, wie immer. Die EMMA ist immer ein Lichtblick. Bzw. war es. Lese wie immer von starken Frauen. Und von Beyoncé und Miley Cyrus (und irgendwo stand auch was von Emma Watson). Allein die Frage ob Schlampe oder nicht ist mehr als unpassend und ungehörig.

Klar, auf den ersten Blick mag es vielleicht nicht passen, dass frau sich als Feministin bezeichnet und gleichzeitig sexuell provokant auf der Bühne rumhopst. Nur – was hat das eine mit dem anderen zu tun? Muss sich eine Feministin in Sack und Asche hüllen? In der Latzhose auf der Bühne rumhüpfen? Vor einiger Zeit kam eine sehr interessante Reportage über Beyoncé, da stolperte ich in der ardmediathek drüber. Und: scheisse, die Frau hat echt was aufm Kasten. Macht alles selber, managt sich selber und ist für alles verantwortlich. Klingt nicht nach abhängigem Sexhäschen. Und Miley Cyrus – ist noch in der Provozierphase, sie übertreibt so, dass es schon ironisch rüberkommt. Nach der Disneyscheisse muss man wohl erstmal ein wenig auf den Putz hauen.
Beide beherrschen die Spielregeln der Musikwelt und spielen sie bewusst mit. Das ist alles. Und wenn sie sich das „ich bin Feministin“ auf den Arm tätowieren lassen – so what. Sollen sie. Für sich, für ihre Welt sind sie es bestimmt auch. Und sie können es aufgrund ihres Standings auch laut sagen.
Emma Watson tut nichts anderes. Ach doch. Sie hält eine Rede. Eine gute Rede. Und sie tanzt nicht nackt oder sonst wie auf einer Bühne rum. Aber sonst? Sie ist eine berühmte Person und benutzt es um ein Statement zu geben um sich ein Label zu geben. Für sich, in ihrer Welt ist sie bestimmt auch eine Feministin.

Jede Person gestaltet ihr Leben selber und versucht sich zu positionieren und ihr Standing zu finden.
Frau ist keine Feministin, weil andere ihr den Stempel geben oder ihr den eben NICHT geben.
Frau ist Feministin wenn sie sich in IHRER Welt, in IHRER Umgebung frei und unabhängig und selbständig bewegt und für ihre Rechte kämpft.
Die Schublade Feminismus ist so groß, und es passen so viele rein…
Jede Frau, die sich Feministin nennt, sollte schauen dass sie in ihrer Welt dafür sorgt, dass es ein wenig besser ist. Verantwortung für sich und ihr Verhalten übernehmen und die kleine Welt ein wenig besser machen. Viele kleine bessere Welten machen die große Welt auch besser. Dem Kollegen mit seinen dummen Sprüchen mal ernsthaft kontra geben, im Freundeskreis konsequent dafür sorgen dass frauenfeindliche Gedanken gar nicht erst aufkommen (notfalls neue Freunde suchen) und das in Kreisen in denen frau sich bewegt – das ist aktiver Feminismus.

Mit der Frage ob Schlampe oder nicht hat die EMMA eine Grenze überschritten, geht zu weit. Es ist nicht ihre Aufgabe zu urteilen oder in Frage zu stellen ob Frauen Feministinnen sind oder nicht, jedenfalls nicht in der Form. Ich möchte so etwas nicht lesen. Nicht so.
Ich möchte Portraits starker Frauen lesen, über feministische Aktivitäten und den alltäglichen Kampf. Ich möchte keine ausschließenden Berichte lesen, die die andere Seite niedermacht. Es gibt nicht nur schwarz und weiß.
Es gibt kein „EMMA gegen den Rest der Welt“.
EMMA ist nicht das Nonplusultra.
Die anderen sind es aber auch nicht.
Ich will mich nicht entscheiden müssen welche Seite der bessere Feminismus ist, zu wem ich gehören will. Im Moment bin ich von beiden Lagern abgestoßen bzw. habe Magenschmerzen damit.
Die Schublade Feminismus ist groß.

Ich habe die EMMA nicht zuende gelesen.

„Ihr seid keine Frauen mehr – ihr werdet befördert zu Würmern“

Eigentlich wollte ich schon lange etwas über kleine Mädchen im amerikanischen Fussball schreiben, über rosa Trikots mit Pfötchen auf den Stutzen und Schleifchen im Haar…Aber meistens kommt es anders als man denkt.

Ich weiss ja, in der Männerdomäne Internet und besonders in MMORPGs ist der Ton etwas rauer und derber. Was ja auch kein Problem darstellt, manchmal ist ein wenig „unter der Gürtellinie“ unter Erwachsenen auch nicht wirklich schlimm – manchmal sogar spassig.

Was aber einige Herren von sich geben ist schon echt starker Tobac und hat mit Spass und Witz und Humor nicht mehr viel zu tun. „Du spielst wie ein Mädchen“, „Stirb wie ein echter Kerl“ ist schon normal mittlerweile. „Eng ist geil“ und dazu ein widerliches Lachen fällt auch kaum noch einem auf.

Ganz neu:
1: „sich nachts an seiner schlafenden frau zu vergreifen zählt nicht als 6“
2: „es ist keine vergewaltigung wenn sie nicht nein sagen KANN?“
3: „da wehrt die sich wenigstens nicht“

Was bitte soll man da noch sagen? Auf die Nummer mit dem eng wurde mal süffisant gekontert mit der Frage ob derjenige pädophil sei und auf Mädchenmuschis stünde – oder nur einen bleistiftdünnen „pieps“ hat und sonst nichts spüren würde. Irgendwie war ein kurzes betretenes Schweigen, mehr aber auch nicht, und es wurde immer mal wieder in „passenden“ Situationen gesagt.
„Ihr seid keine Frauen mehr – ihr werdet befördert zu Würmern“
Das macht sprachlos. Was ist das für ein Frauenbild?

Was ist das für ein Menschenbild?
Bezeichnend ist, das die, die das sagen und/oder darüber lachen auch Judenwitze erzählen (das ist doch witzig, und dieser ganze Scheiss mit political correct und so nervt doch), sich über Juden und Moslems in negativ wertenden Äusserungen ergehen und nicht unbedingt nette Worte zu Ausländern finden. Dass Schwule einfach nur eklig und widerlich und krank sind – das versteht sich von selbst.

Komischerweise fällt es kaum einem auf. Und keiner sagt was. Diskutieren ist unmöglich, da keine Rückendeckung erfolgt und andere eher schweigen, nicht zuhören, „ach, ich habs nicht mitbekommen“.

Ich bin es leid.
Ich könnte kotzen.
Ich WEISS es stört mehr – dann sagt verdammt nochmal auch was. Lasst mich nicht ins Messer laufen, habt doch verdammt nochmal auch Rückgrat. Ihr seid feige.
Hört hin.
Oder ihr findet es gut. Auch eine Möglichkeit.

Ich bin manchmal echt sprachlos und kann nur noch hilflos die Schultern zucken…

Prinzessinenbier

In der Süddeutschen Online stand gestern ein interessanter Artikel zum Thema genderspezifische Werbung (http://www.sueddeutsche.de/stil/genderspezifische-werbung-fleischgewordener-sexismus-1.1707863). Ich bin schon seit langem angefressen von dem rosa Zeug für Prinzessinnen und dem hellblauen Kram für Helden – und da kommt der Artikel gerade zur richtigen Zeit. Pinkstinks meckert schon lange, und via twitter #ichkaufdasnicht sammeln sich die Fails der Marketingspezialisten.

Und immer mehr bekomm ich das Kotzen. Es kann doch nicht wahr sein, was da für ein Bild vermittelt wird bzw WOMIT ich angesprochen werden soll.

Ich bin also eine frei verfügbare Puppe, stets zu Diensten, sexy – und natürlich ohne eigene Ansprüche. Ok, die Produkte soll ich nicht kaufen. Würde ich auch aus Prinzip schon nicht. Warum da nicht langsam auch mal Männer aufbegehren?! Sind denn alle nur sexgeil und darauf aus sich von einer sexy Chick bedienen zu lassen? Kann ich mir nicht vorstellen. Welches Bild wird da von den Männern vermittelt? Auch nicht wirklich ein gutes glaub ich. So einen Mann würde ich als Partner nicht haben wollen. Aber hei – ich bin ja auch gar nicht Zielgruppe.
Das Kinder dieses Bild im Vorbeigehen verinnerlichen und als normal abspeichern – who cares? Zu Zeiten von Youporn, wo Pornos für jeden frei verfügbar sind?!
Es scheint echt normal geworden zu sein, dass es Sex an jeder Ecke gibt, alle gut aussehen, immer können, immer willig sind, maßlos und ohne Grenzen. Und eigentlich ist es irgendwie auch normal, dass damit Werbung gemacht wird. Irgendwie hat es sich verselbständigt, so ein bisschen zumindest. Sex sells, Sex is normal, allgegenwärtig. Durch Fensehen, Radio, Plakate, Werbung. Warum also nicht auch damit Werbung machen?!

Wenn ich nicht dieses sexy Chick bin – dann bin ich etwas unbedarft, blond (im sprichwörtlichen Sinne), stehe auf Rosa und Prosecco und kicher auf dem Sofa mit Freundinnen. Oder ich lade sie zu Kuchen ein. Lachend und kichernd. Und – hei, ich seh bei allem gut aus, egal was ich mache. Ich brauche natürlich extra für mich hergestellte Produkte, allesamt ladylike, sie machen mich zu etwas besonderem. Natürlich müssen die Grillwürstchen fettarm und kleiner sein, also bitte, ich kann doch keine profane Wurst essen, die ist eh viel zu fettig und kalorienhaltig, was sollen denn meine Freundinnen und mein Mann denken. Wieso darf die Frau eigentlich mitgrillen fällt mir gerade ein, was ein Frevel!
Und die Soße muss leicht rosa angehaucht sein, dazu rosa Prosecco, am besten noch von rosa Pappgeschirr. Wird da gerade nur mir schlecht?
Es fehlt für den perfekten Grillabend unter Frauen noch das rosafarbene Bier, leicht perlend, mit wenig Alkohol und wenig Kalorien und leichtem Himbeeraroma. Prinzessinenbier.

Ich geh kotzen.
Ich frage mich, ob wir eigentlich alle auf demselben Planeten leben – oder wieso stören sich so wenige Menschen an dieser speziellen Werbung? Alle abgestumpft? Tot?

Wenn ich Bekannte darauf aufmerksam mache werde ich teilweise etwas irritiert angesehen. Wie oft wenn ich so ein Thema erwähne (#Aufschrei war auch so eines). Leichtes Kopfschütteln, was ich da sehen würde, sei doch nicht so schlimm, ich könne doch auch anderes kaufen, und ich würde da vielleicht ja doch ein klein wenig übertreiben. Und viele sehen es schlicht einfach nicht. Wo sei nun grad das Problem heisst es.

Genau DAS ist das Problem. Genau das.