Und wer von denen bist DU?

Wo warst Du als

  • die Frau in der Bahn angepöbelt wurde sie sei zu hässlich als dass sie jemand ficken würde
  • jemand im Fitnesscenter der Trainierenden auf den Po schlug
  • Deine Kumpels angetrunken Mädels hinterherpfiffen und ihnen „aus Spaß“ nachliefen
  • sie davon sprachen dass sich Frauen nicht so anstellen sollen
  • das junge Mädchen im Zug von ihrem Partner bedrängt wurde
  • in der Kneipe der Bedienung auf den Arsch gehauen wurde, ihr eindeutige Sprüche nachgerufen wurden
  • im Forum geschrieben wurde dass jede Frau ‘nen Stecher finden würde wenn sie nicht so anspruchsvoll wäre, sie müsse nur die Beine breit machen
  • im Verein die Jungs neben Dir vom geilen Fick mit ihrer Stute sprachen und wie geil sie sei, bestes Fickstück
  • es hieß dass es keine Vergewaltigung sei wenn eine Frau dabei schläft da sie es ja nicht mitbekäme
  • die Frau bedrängt wurde und ihre Körbchengröße erfragt wurde
  • die Frau quer über den Bahnsteig angeschrien wurde ob die Titten echt seien und ob man mal ran dürfte
  • die Kumpels vom „Schnitzelundblowjob Tag“ schwärmten und wie geil die Blowjobs dann seien
  • es hieß sie sei ja selber schuld, was wäre sie nachts noch unterwegs
  • es hieß, sie wollte es doch, sie würde ja auch Pornos drehen
  • er sagte er wäre Wohltäter weil die Schlampe sonst keiner gefickt hätte
  • alle von Vergewohltätigung sprachen und lachten
  • alle nach der Party noch fix in den Puff wollten
  • es hieß sie sei untervögelt und würde wohl ‘nen Schwanz brauchen
  • sie sagten so eine dumme frigide Emanze müsse mal zurechtgefickt werden
  • sie sagten dass der Junge halt etwas „Druck“ hatte
  • man ihr vorwarf ihn nicht zu befriedigen, nicht gut genug im Bett zu sein
  • es hieß es würde ihm zustehen als Partner
  • sie sagten er würde so etwas nie tun, die Schlampe würde sich nur rächen wollen und an sein Geld

Du sagst dass all das furchtbar ist.
Manche Männer sind auch echt Ärsche.
Aber nicht alle, manche.

Und dass das jetzt wieder Thema ist – es ist halt Hollywood. Hollywood ist schon dreckig, und Show gehört dazu.
Und die Regisseure, Künstler die im Blickpunkt standen und stehen – also die Dinge die sie geschaffen haben darf man nun nicht schlechtreden. Und es waren früher halt auch andere Zeiten.

DU sagst Du kannst Dir nicht vorstellen dass es praktisch jede Frau getroffen hat und trifft. Überall.
Dass es alltäglich ist.
DU warst nicht dabei, Du bist nie dabei wenn so etwas in Deiner Umgebung passiert. Aber hei – das ist unwahrscheinlich. Auch Du wirst mal dabei gewesen sein.
Wenn Du denn zugehört oder hingeschaut hättest.

DU hast es nicht mitbekommen. Nicht gesehen, nicht gehört.
Warum solltest Du es auch mitbekommen? Du redest und denkst ja nicht so, und bei den Idioten würdest Du eh immer weghören oder auf Durchzug stellen.
Es ist ja so einfach. Du siehst es nicht, also existiert das Problem eigentlich auch nicht wirklich, und Du kannst es Dir auch nicht vorstellen.
Und vielleicht verdrehst Du sogar die Augen. Weil das doch alles sehr übertrieben ist. Und auch alles viel zu hochgekocht wird. Hollywood eben.

DU warst dabei. Hast mitgemacht, mitgelacht. Ist doch alles nur Spaß, und sie soll sich mal nicht so haben, Deine Jungs sind doch echt nette Kerle und sie würden niemals jemandem was antun. Und warum sollst Du einer Frau nicht sagen dürfen dass DU sie attraktiv/hübsch sexy findest?

Und Du sprichst von „Sexarbeit“ wenn Du in den Puff gehst und sagst „die wollen es ja, die machen das freiweillig“.
Und Du schaust Pornos in denen die Frau nur eine Rolle hat: dem Mann für jegliche Spielchen zur Verfügung zu stehen. Und Du sagst „hei, das sind doch Schauspielerinnen und das machen die doch freiwillig“.

Wer auch immer DU davon bist.
DU bist Teil des Ganzen.
DU bist das Problem.

Wer nichts sagt/tut macht mit.
Immer.

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NaBloPoMo Tag 11 – Fangemeinde

Nachdem ich gestern einfach mal hab ausfallen lassen bin ich heute tagesaktuell^^
Wobei ausfallen lassen ist nicht so ganz richtig. Ich habe geschrieben, aber nicht veröffentlicht. Ich hab eher ziemlich lange Zeit damit verbracht nach Podcast-Bastel-Speicher-Möglichkeiten zu suchen, einfach weil das ein Text wurde der gesprochen viel mehr Sinn ergibt als gelesen. Ich würde so was Gesprochenes gerne ausprobieren, bin aber noch nicht fündig geworden wie und wo und überhaupt. Aber der Text steht und auch viele andere, und es wird mir nicht weglaufen. Und da mir auch keine Zitate eingefallen sind die irgendwie „typisch ich“ sind hab ich es einfach gelassen ^^

#11 Fangemeinde – Wovon bist du Fan? Warum? Oder warum nicht?

Uaah, ich finde Fantum grausam. Also dieses Gekreische und blind unüberlegte Jemandengutfinden.
Schon als Kind und als Jugendliche war mir fremd was um mich rum passierte. Meine Klassenkameradinnen schwärmten für irgendwelche Jungs irgendwelcher Boygroups die ich furchtbar fand. Das Verhalten der Mädels ging mir mehr als auf den Keks und ich hab es schlicht nicht verstanden. Warum kann mensch einen anderen so bedingungslos gut finden und nichts hinterfragen?! Personenkult hat etwas Beängstigendes.
Ich hatte glaub ich nie irgendwelche Bandposter an der Wand hängen. Und nie meine Schulhefte mit den Bravo/Popcorn-Aufklebern beklebt. Ich hab die bestimmt noch irgendwo in einer Kiste rumfliegen ^^
Und trotzdem war ich auf Konzerten und als ich älter war ging ich regelmäßig zum Fußball. Und ich hab jedes Mal nen Hals bekommen wenn um mich herum orgiastisch gekreischt wurde oder manche Fußballfans ihr Hirn am Stadioneingang abgegeben haben. ICH wollte das Event schauen, das Spiel, die Band, die Musik. Ich habe da nichts und niemanden gefeiert.
Aufgrund meiner Distanziertheit und Nüchternheit wurde mir oft vorgeworfen ich wäre emotionslos und dumm und scheisse und kein Fan und und und und.
Aber wenn es heißt dass ich meinen Anstand, mein Benehmen, mein Sein bedingungslos jemandem hinzugeben habe und die Person in den 20. Himmel zu heben und anzubeten habe – dann möchte ich auch nie nie nie Fan genannt werden. Ein „Du bist nur Fan wenn Du das und das machst und denkst“ ist nicht meines.

Ich finde vieles gut. Ich mag Bücher mancher SchriftstellerInnen lieber als andere.
Ich mag manche Filme lieber als andere und kann ganze Passagen mitsprechen
Ich mag manche Bands und MusikerInnen lieber als andere.
Ich sympathisiere mit manchen Fußballvereinen mehr als mit anderen.
Ich schaue manche Sportarten lieber als andere.
Ich habe mir das ein oder andere Buch signieren lassen, habe das ein oder andere Autogramm, und meine Fussballweste in die ich seit Jahren nicht mehr reinpasse hat ganz ganz viele Unterschriften.

Wikipedia sagt „Ein Fan ist ein Mensch, der längerfristig eine leidenschaftliche Beziehung zu einem für ihn externen, öffentlichen, entweder personalen, kollektiven, gegenständlichen, abstrakten oder sportlichen Fanobjekt hat und in die emotionale Beziehung zu diesem Objekt Ressourcen wie Zeit und/oder Geld investiert.
Gut, danach wäre ich wohl Fan.
Ein Fan von Computerspielen. Denn da stecken Zeit und Geld und auch eine gewisse Leidenschaft drin.
Früher war ich dann wohl Fußballfan, soviel wie ich in Stadien war. Dazu hatte ich hier schon mal was geschrieben.
Aber ich habe mich nie dabei der Masse untergeordnet.

Wie ich zum Fußball kam – und wieder ging

Fußball, das war WM und EM, auf ausgeliehenen Fernsehgeräten, lange in schwarzweiß.
Fußball, das waren Anfang und Mitte der 80er die großen Jugendlichen, die den HSV bejubelten und draußen manchmal Schlachtgesänge anstimmten.
Fußball, das war der erste eigene Lederfußball, in orange und grün. Gehegt und gepflegt über Jahre.
Fußball, das waren die Erzählungen der Eltern, die schon als Kinder gern beim Fußball waren und in den 70ern auch manchmal beim HSV.
Der HSV war weit weg, St.Pauli war weit weg.
Später erzählte mein Vater von prügelnden und betrunkenen HSV-Fans, von Randale in Zügen und viel Ärger und Stress.
Fußball gab es für mich nur zu EM und WM.
Mein erstes Panini Sammelheft gab es zur WM90 glaub ich.

Irgendwann in der Zeit bekam mein Vater zwei Karten für den HSV geschenkt. Und gab sie mir. Und so bin ich mit einer gleichaltrigen Bekannten das erste Mal in meinem Leben im Stadion gewesen.
An das Fußballspiel erinnere ich mich nicht mehr. Nur noch an viele viele große Menschen mit viel Bier. Viel Gestank. Viel Lärm.
An blaue Flecken durch das Gedrängel und eine Uhr mit Sprung im Glas.
An Randale und Pöbelei auf dem Bahnhof, so dass ich über Umwege nach Hause gefahren bin.
Und ich erinnere mich, dass ich nie nie nie wieder einen Fuß in ein Stadion setzen wollte. Never ever.

Ja, das dachte ich. Ernsthaft.

Und einige Jahre später, 1993 oder 1994 schenkte uns ein Bekannter Karten für St.Pauli. Es sei anders dort sagte er, wir sollten es uns einfach anschauen, wir würden Fußball doch mögen, dort wäre es ruhiger, witziger, alternativer, links, keine Hools usw.
Und so pilgerten meine Eltern und ich eines warmen Sommertages zum Millerntor.
Und an dem Tag kaufte ich mir eine Dauerkarte.
Der Beginn eines 10 Jahre andauernden Fussballfandaseins. Meine Eltern kauften sich keine Dauerkarten, waren aber sehr sehr oft ebenfalls im Stadion. Wir standen immer an derselben Stelle, kannten bald die Leute um uns rum vom Sehen und der nette alte Herr neben mir begleitete mein erstes Jahr mit fachkundigen Kommentaren und einer sehr sehr herzlichen Art beim Torschrei zu umarmen OHNE übergriffig zu werden.
Ich fühlte mich dort wohl. Es war witzig, alternativ, gewaltfrei, ruhig, links, ich konnte das Spielfeld sehen und selbst verirrte HSV-Fans wurden gewaltfrei aus dem Stadion komplimentiert. Irgendwann im zweiten Jahr war der alte Herr nicht mehr da, keiner wusste was aus ihm geworden war, und so zog ich um, zu Mitschülerinnen, die im Block hinterm Tor standen. Das war dann schon eine andere Welt. Zugedröhnt, bekifft, beim Torjubel gabs schonmal blaue Flecken, eklig klebrige Bierduschen, und gesehen hab ich meistens nicht viel. Wir Mädels zogen uns mit der Zeit etwas raus, standen am Rand des Blocks, und so verging Spiel um Spiel.
Wir schwänzten Schule für Auswärtsfahrten, die Montagabendspiele brachten uns öfters Ärger ein, da wir den Nachmitagsunterricht schwänzen mussten um püntklich im Stadion zu sein, das SchöneWochenendTicket war unser „Freund“ und oft waren auch meine Eltern mit. Weitere Fahrten machte ich meistens alleine, einmal im Jahr hatte ich eine Freifahrt der Bahn und konnte so Ende des Jahres schonmal weiter weg wenn es sich ergab. So war ich u.a. in Kaiserslautern, Duisburg, Bremen, Hannover, Uerdingen, Wattenscheid, Rostock… Meistens warm empfangen von den einheimischen Fans und der entspannten Polizei. Mit netten Worten, Polizeitaxiservice, extra geöffneten Edekas, geschenktem Bier – kurzum, ich hatte nie schiss allein mit Paulischal in der Stadt zum Stadion zu gehen.
In Bremen war das schon anders, wenn schon am Bahnhof eine Masse an Polizisten in Kampfklamotte und mit vielen vielen wie irre bellenden Hunden auf einen wartet.

Und dann gab es noch Rostock. Ein legendäres Spiel. Meine Eltern und ich sind mit einem Leihwagen hingefahren, ohne hamburger Kennzeichen. Wir waren komplett neutral. Und wir saßen in der Gästekurve wie gefangen. Es flogen Bänke, Steine, Flaschen, uns schlug der blanke Hass entgegen. Ich werde den Moment nie vergessen als ein Polizist hinter uns mehr als beunruhigt um Verstärkung bat weil „unsere Jungs nehmen unser Stadion auseinander, das geht nicht gut“. Auf dem Platz gab’s Ärger, unser Torwart wurde mit Rauchbomben und Böllern beworfen, auf den Rängen herrschte Krieg… Wir waren so clever und sind etwa 10 Minuten vor Abpfiff geflüchtet. Bloß weg. Um sich danach zu verfahren und quer durch Rostock zu irren. Mit Rostocker „Fans“ überall. Mit Hass überall. Die wenigen hamburger Fans die mit der Bahn kamen wurden mit gepanzerten Bussen zum Bahnhof gefahren und während der Fahrt attackiert. Mit Steinen, Latten, Eisenstangen wurde versucht die Busse zu stürmen. Während der Fahrt aus Autos heraus, an Ampeln. Und all das ungestraft. Das Spiel wurde nicht abgebrochen, obwohl kaum sicheres Spielen möglich war und ich erinnere mich auch nicht, dass irgendwelche Folgen für den Verein aus dem Ganzen entstanden wären.
Da bekam mein Fussballfandasein erste Risse. Weil ich nicht verstand was da passierte, weil das für mich nicht vereinbar war mit meinem Fandasein und mit dem Sport.

Ich verbuchte es als Ausnahme.
Ich ging alle zwei Wochen ins Stadion, irgendwann nicht mehr hinters Tor, sondern auf die Gegengerade. Mal mit, mal ohne meine Eltern. Auch sie hatten zeitweise eine Dauerkarte. Wir hatten dort einen Kreis mit Leuten die sich immer wieder an derselben Stelle traf. Über Jahre. Man kannte sich ein wenig, plauderte, sah das Spiel – und ging wieder auseinander „bis in 2 Wochen dann“…
Ich las jeden Montag den Kicker, wir tippten Fußball jedes Wochenende, ich hatte eine Weste und einen Fußball mit allen Unterschriften. Bettwäsche, Handtücher, Mütze, Schal, Socken, Schlüsselanhänger. Ich war Vereinsmitglied. Ich versäumte in den 10 Jahren 2 oder 3 Heimspiele.
Ich ging mehrfach im Jahr zum HSV, in die Gästekurve versteht sich. Wenn kein Topspielzuschlag fällig war. Die 5 Mark für ne Karte hatte ich immer mal über, oftmals kamen die Mädels mit, später nur noch meine Eltern. Ich war sogar beim Spiel HSV gg. Celtic Glasgow.
Ich erlebte Aufstieg und Abstieg, Heldentaten auf dem Rasen und komplettes Versagen. Ich sah Standfussball und irre spannende Spiele. Brütende Hitze mit Sonnenbrand und Cola und Schneeregen mit langer Unterhose, zwei Paar Socken und Glühwein.
Wir waren Fans ohne rosarote Brille, die ihre eigene Meinung nicht am Stadioneingang abgegeben hatten.
Ich drückte dem BVB in der ersten Liga die Daumen, und St.Pauli in der zweiten. Das ging damals noch.

Und irgendwann, nach gut 10 Jahren ebbte das Fieber ab. Schnell ab. Sehr schnell ab.
Es war nicht mehr wie es mal war.
Es war organisierter im Stadion. Die Fans hatten erste Vorturner, geplante Gesangschoreographien entstanden, Fangruppierungen arbeiteten eng mit dem Verein zusammen.
Es wurde hip und cool bei St.Pauli zu sein.
Erste aggressivere Stimmungen tauchten auf, vielleicht hatte ich sie vorher nur nicht bemerkt, aber plötzlich bemerkte ich sie. Und nicht nur ich. Unser kleiner Kreis am Zaun wurde immer unzufriedener, wir fühlten uns immer weniger wohl. Irgendwie gefiel uns das nicht. „Dortmund ist scheisse, Dortmund ist Dreck – eine Bombe und Dortmund ist weg“ wollten wir nicht hören. Ein enttäuschtgenervtes „Och Schiri, neiiin, du Sack/Arsch/Penner“ ist was anderes als ein geiferndaggressives „Du hohler Wixer/Hurensohn/Schwule Sau, wir kriegen Dich“, verbunden mit Bierduschen, Feuerzeugwürfen und wüsten Drohungen.
Egal was der Verein machte, was die Spieler machten – es war gut und wurde gefeiert, und die Spieler und Trainer wussten das und benahmen sich dementsprechend. Immer kritikloser, immer zugedröhnter, immer aggressiver wurde es. Immer häufiger gab es Krawällchen und Randälchen und das nicht mehr nur noch bei ausgewählten „rechten Gästefangruppierungen“.
Einen gegnerischen Spielzug als gut zu bezeichnen und Fehler eigener Spieler/Trainer anzusprechen wurde nicht mehr geduldet. Man wurde niedergebrüllt, als Nichtfan bezeichnet. Und man hätte sich zu verpissen wenn man nicht alles genauso gut finden würde wie die Ecke, die die Stimmung machte.
Stimmung entstand nicht mehr irgendwo irgendwie in einer Kurve und schwappte durchs Stadion – sie entstand an einer bestimmten Stelle. Vorbereitet, geplant, gelenkt. Wie es überall in den Stadien Mode wurde und bis heute ist.
Mit dieser Manipulierbarkeit und Gleichmacherei der Fans habe ich ernsthafte Probleme, ging mir das damals nur auf den Sack und engte mich ein – sehe ich das heute kritischer und mit einem besorgten Auge.

Die letzte aktive Saison flüchtete ich in die Gästekurve (unser Kreis am Zaun in der Gegengeraden hatte sich auch mehr oder weniger aufgelöst). Dort versammelten sich einige der ruhigeren Fans, die mehrheitlich Fußball schauen wollten, gern mit nem Bierchen oder Kaffee. Durchaus auch mal mit nem Plausch mit Gästefans.
Aber es wurde nicht mehr was es mal war, und mich ekelten die Alkohol- und Grasleichen im Zug und ums Stadion immer mehr an.
Sicherlich war und ist es bei St.Pauli immer noch etwas anders und nicht „ganz so schlimm“ wie bei anderen Vereinen, möglicherweise ist wie Wortwahl etwas milder als in anderen Vereinen – aber die Zeit ist sicher nicht spurlos an St.Pauli vorbeigegangen. Das Millerntor ist keine idyllische Insel.

Ich erkannte zudem, dass der Profifußball ein verlogener, schmutziger Wirtschaftszweig ist, mit Lobbyismus, großen Worten und viel Geld. Daran wollte ich nicht teilhaben, das waren mir meine sauer verdienten Euros nicht wert.

So trat ich aus dem Verein aus und hatte das Thema Fußball für mich abgehakt.
Kein Verfolgen mehr der 1. und 2. Bundesliga.
Keine blinde Tabellenkenntnis mehr, keine Wetten.
Ich wollte mit dem Thema Fußball nichts mehr zu tun haben.
Das Kribbeln, wenn ich am Millerntor vorbeikam war weg.

Natürlich hab ich alle WM und EM seitdem verfolgt. Aber es berührt mich alles nicht mehr so. Zu glitzernd, zu durchzogen von Interessen und Machtspielchen irgendwelcher Funktionäre. Zu viel Show, zu viele Eitelkeiten irgendwelcher Millionäre auf dem Platz.
In der Bundesliga gewinnt wer genug Geld hat sich die besten Spieler kaufen zu können.
Ganze Vereine wurden gekauft, Spieler gleich dazu.
Es gewinnt idR der Verein mit dem besseren Standing.
Oder der, der die Gunst der Schiedsrichter hinter sich hat.

Nach gut 8 Jahren Pause höre ich mittlerweile wieder jedes Wochenende Bundesliga im Radio.
Ich tippe mit einigen Bekannten die Spielergebnisse. Manchmal fachsimpeln wir. Und manchmal ist es auch ganz spannend.
Aber das Herz bleibt unberührt, auch wenn ich dem lokalen Verein die Daumen drücke (ein Verein in Hamburg muss ja in der 1.Liga bleiben) bin ich kein Fan.
Bei meinen Eltern ist die Fußballliebe mittlerweile komplett erloschen, sie haben nicht mal mehr die letzte WM so wirklich verfolgt.

Und ich bin oft erstaunt und irritiert, wie vorbehaltlos erwachsene Menschen „ihren“ Verein sehen, wie wenig Humor sie haben wenn es um ihren Liebling geht. Und wie sie „ihren“ Spielern blind jede Vereinsliebesbekundung glauben. Alles an ihrem Verein ist gut, besser als bei allen anderen, ihr Verein ist die glorreiche Ausnahme unter all den versumpften anderen. Und natürlich ist der Schiri meistens gegen den Verein.

Ganz ganz manchmal, wenn der Wind gut steht, höre ich den Stadionsprecher und die Jubelrufe (oder das Aufstöhnen) der Fans vom HSV.
Und dann kommen da für einen Bruchteil einer Sekunde nochmal das Kribbeln und eine Sehnsucht, manchmal auch ein Tränchen.

Und gleichzeitig weiß ich, dass ich nie wieder einen Fuß in ein Stadion setzen werde.
Und das ist gut so. Und ich lächle.

2014

Weil es grad so in Mode ist – gibt’s auch einen von mir: mein kleiner Jahresrückblick – etwas holperig und ungeübt. Aber meiner ^^

Es war ein Jahr

mit vielen Samstagnachmittagen vorm Radio
Fußball hören.
Fast abgestiegene Hamburger, fast aufgestiegene Hamburger, dominierende Bayern. Und der Verlust der goldenen Tippkrone in allen Ligen. Und die erschreckende Platzierung des BVB zum Jahresende.

mit der Fußball WM
Einige interessante Spiele, viel Dusel und eine dummblödsinnige Abschlussfeier in Berlin mit der Sirene und dem Gauchogate. „Wir“ sind Weltmeister. Wer ist eigentlich wir?

mit viel WOW
Wie seit Jahren. Viel gespielt. Alles erreicht, besondere Mounts bekommen. Aber auch erschreckende Abgründe bei Mitspielern gesehen. Raffgier, Missgunst, Rassismus, Misogynie.
Werde mir im nächsten Jahr einen Twinkraid nur mit Frauen suchen. Hoffe so etwas gibt es…

mit einem Besuch im Haus der Eltern
Ich hab es im renovierten Zustand das erste Mal gesehen und finde es wunderbar urig und gemütlich. Meine Eltern betonen immer wieder, dass es mal mir gehören wird. *hust*

mit dem Entdecken von Twitter
Das Facebook von heute. Schlagzeilen, Katzenbilder, gifs. Und Machtspielchen. Wer die meisten Likes hat hat die Wahrheit gepachtet. Es gibt nur zwei konträre Seiten auf 140 Zeichen.
Aber auch interessante Hashtags, die Mut gemacht haben.
Interessante Menschen, deren Blogs ich via Twitter gerne entdeckt habe und die meine Gedanken in Wallung gebracht haben und bringen.

mit Abhörungen und Indiskretionen
Bekanntwerden von dreisten Abhörungen und Spionage. Selbst in höchsten Regierungskreisen. Und mittlerweile scheint es kaum noch jemanden aufzuregen wenn abgehört wird. Auf echtem Papier getipptes wird wieder „in“. Und am Telefon verabredet man sich.
Die USA sind „gestorben“ dabei wollte ich immer mal nach NY und auch mit dem Wohnmobil durchs Land fahren. Aber ne, ich verzichte, da gibt’s keinen Cent von mir

mit Gamergate
Erschreckende Auswüchse, die bis zu Bekannten vorgedrungen sind. Aber diese Abgründe haben mich nicht wirklich erstaunt. Ich bin nun noch vorsichtiger als ich eh schon bin mit dem was ich von mir im Netz stehen habe.

mit Rechten Idioten
Pegida, afd, hogesa, [irgendwas]gida. Dreiste Rechte sammeln sich und ziehen vernebelte eingelullte Kleingeister hinter sich her. Mit dummen Parolen werden Ängste geschürt und Menschen angelockt, die es nicht anderes wissen und nicht anders können. Ich weiss nicht, wer gefährlicher ist: die Manipulierten oder die Manipulierer. Es ist erschreckend. Erschreckend aber auch: die fehlende Mitte. Faszinierend wie kleingeistig manche Menschen in der direkten Umgebung sind.

mit der fehlenden Mitte
Extreme die aufeinander prallen. Zwei Seiten die von sich behaupten die bessere zu sein. „Bist du nicht auf meiner Seite bist Du automatisch auf der anderen, Bist Du nicht für mich bist Du gegen mich“ Ein Dialog findet nicht statt. Er ist auch nicht gewollt. Auf einmal ist man nicht frau genug, schwarz genug, lesbisch genug, schwul genug, behindert genug, xyz genug um etwas sagen zu dürfen. Mensch zu sein reicht nicht mehr.

in der Kontinuität des Gesterns
Die Jahre, Monate, Tage gleichen sich. Sind sich ähnlich, haben wenig Varianz. Es plätschert wie eh und je.

Und es war ein Jahr voller Dinge die ich tun wollte und nicht getan habe. Weil ein Tag doch zu wenig Stunden hat. Und weil die Zeit viel zu schnell vergeht.

Und was kommt ab morgen?
Genau dasselbe wie bisher.
Weil morgen nur ein Tag nach Heute ist.

Ronaldo in rosa Fussballschuhen

Rosa nervt.
Rosa Mädchen erst recht.
Und das Prinzessinengetue.

Wo ist die Piratin, die auf den Boden spuckt? Nicht dass ich das gut finden würde, aber immer noch besser als die plärrenden Rosa Püppchen die einem irgendwie überall begegnen.

Meine Facebook-Freunde sind teilweise sehr mitteilsam, vor allem die aus den USA. Ich erfreue mich oft an Familienbildern jeglicher Art, zeigt es mir doch ein wenig, wie dort gelebt wird. Ich finde es spannend, manchmal amüsant, manchmal auch irritierend. Wie überall halt.
Aber das was Weihnachten bei vielen Mädchen unterm Weihnachtsbaum lag war echt schon starker Tobac. Rosa in jeder Schattierung, HelloKitty und dazu Prinzessinen-Utensilien jeglicher Art. Und die Kommentare. „wie süß“ „oh,wie eine Prinzessin“ – da möchte man kotzen. Dazu dann ganz stilecht „Dora“. Die ach so taffe, neugierige emanzipierte Dora. Natürlich in Rosa, das hab ich ganz vergessen.
Bei keinem gab es Malstifte oder „neutrales“ als Geschenk, oder ein Buch – alles vorgefertigt und wunderbar die Klischees bedienend. Irgendwie hat das alles einen surrealten Touch der 50er…

Vor drei Tagen dachte ich, ich werde mit dem ganzen süßen rosa Girlie Getue versöhnt: Hat doch eine stolze Großmutter (hoffe es war die oma…) viele viele Fotos ihrer Kleinen vom Fussball veröffentlicht. Viele kleine Mädchen in viel zu großen Trikots und Hosen die einem noch viel zu großen Ball hinterherjagen. Endlich mal ist jemand stolz auf das, was ihr Mädchen macht und schafft – und nicht darauf wie „cute“ sie doch ausschaut. Solche Bilder kenne ich aus Deutschland nicht, hier sind die ganz Kleinen in gemischten Mannschaften unterwegs und ich hab noch keine Bilder einer stolzen Mama von ihrer Kleinen bei einem Spiel gesehen…
Aber zurück zu den Ami-girls beim Fussball. Ich klicke mich freuend durch viele viele Bilder – bis ich bei einem fast aufgeheult habe: hat doch eines der Mädels weisse Fussballschuhe von adidas an – mit Rosa Streifen und Rosa Stollen. ROSA!!!!! Ich falle vom Glauben ab, ich hätte echt nicht gedacht dass die rosa Grütze mittlerweile auch bei Fussballschuhen angekommen ist.

Man stelle sich vor, ein Ronaldo oder Messi würde in weiss-rosa Fussballschuhen auflaufen…