Und wer von denen bist DU?

Wo warst Du als

  • die Frau in der Bahn angepöbelt wurde sie sei zu hässlich als dass sie jemand ficken würde
  • jemand im Fitnesscenter der Trainierenden auf den Po schlug
  • Deine Kumpels angetrunken Mädels hinterherpfiffen und ihnen „aus Spaß“ nachliefen
  • sie davon sprachen dass sich Frauen nicht so anstellen sollen
  • das junge Mädchen im Zug von ihrem Partner bedrängt wurde
  • in der Kneipe der Bedienung auf den Arsch gehauen wurde, ihr eindeutige Sprüche nachgerufen wurden
  • im Forum geschrieben wurde dass jede Frau ‘nen Stecher finden würde wenn sie nicht so anspruchsvoll wäre, sie müsse nur die Beine breit machen
  • im Verein die Jungs neben Dir vom geilen Fick mit ihrer Stute sprachen und wie geil sie sei, bestes Fickstück
  • es hieß dass es keine Vergewaltigung sei wenn eine Frau dabei schläft da sie es ja nicht mitbekäme
  • die Frau bedrängt wurde und ihre Körbchengröße erfragt wurde
  • die Frau quer über den Bahnsteig angeschrien wurde ob die Titten echt seien und ob man mal ran dürfte
  • die Kumpels vom „Schnitzelundblowjob Tag“ schwärmten und wie geil die Blowjobs dann seien
  • es hieß sie sei ja selber schuld, was wäre sie nachts noch unterwegs
  • es hieß, sie wollte es doch, sie würde ja auch Pornos drehen
  • er sagte er wäre Wohltäter weil die Schlampe sonst keiner gefickt hätte
  • alle von Vergewohltätigung sprachen und lachten
  • alle nach der Party noch fix in den Puff wollten
  • es hieß sie sei untervögelt und würde wohl ‘nen Schwanz brauchen
  • sie sagten so eine dumme frigide Emanze müsse mal zurechtgefickt werden
  • sie sagten dass der Junge halt etwas „Druck“ hatte
  • man ihr vorwarf ihn nicht zu befriedigen, nicht gut genug im Bett zu sein
  • es hieß es würde ihm zustehen als Partner
  • sie sagten er würde so etwas nie tun, die Schlampe würde sich nur rächen wollen und an sein Geld

Du sagst dass all das furchtbar ist.
Manche Männer sind auch echt Ärsche.
Aber nicht alle, manche.

Und dass das jetzt wieder Thema ist – es ist halt Hollywood. Hollywood ist schon dreckig, und Show gehört dazu.
Und die Regisseure, Künstler die im Blickpunkt standen und stehen – also die Dinge die sie geschaffen haben darf man nun nicht schlechtreden. Und es waren früher halt auch andere Zeiten.

DU sagst Du kannst Dir nicht vorstellen dass es praktisch jede Frau getroffen hat und trifft. Überall.
Dass es alltäglich ist.
DU warst nicht dabei, Du bist nie dabei wenn so etwas in Deiner Umgebung passiert. Aber hei – das ist unwahrscheinlich. Auch Du wirst mal dabei gewesen sein.
Wenn Du denn zugehört oder hingeschaut hättest.

DU hast es nicht mitbekommen. Nicht gesehen, nicht gehört.
Warum solltest Du es auch mitbekommen? Du redest und denkst ja nicht so, und bei den Idioten würdest Du eh immer weghören oder auf Durchzug stellen.
Es ist ja so einfach. Du siehst es nicht, also existiert das Problem eigentlich auch nicht wirklich, und Du kannst es Dir auch nicht vorstellen.
Und vielleicht verdrehst Du sogar die Augen. Weil das doch alles sehr übertrieben ist. Und auch alles viel zu hochgekocht wird. Hollywood eben.

DU warst dabei. Hast mitgemacht, mitgelacht. Ist doch alles nur Spaß, und sie soll sich mal nicht so haben, Deine Jungs sind doch echt nette Kerle und sie würden niemals jemandem was antun. Und warum sollst Du einer Frau nicht sagen dürfen dass DU sie attraktiv/hübsch sexy findest?

Und Du sprichst von „Sexarbeit“ wenn Du in den Puff gehst und sagst „die wollen es ja, die machen das freiweillig“.
Und Du schaust Pornos in denen die Frau nur eine Rolle hat: dem Mann für jegliche Spielchen zur Verfügung zu stehen. Und Du sagst „hei, das sind doch Schauspielerinnen und das machen die doch freiwillig“.

Wer auch immer DU davon bist.
DU bist Teil des Ganzen.
DU bist das Problem.

Wer nichts sagt/tut macht mit.
Immer.

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Poesiealbum

Gestern Abend tauchte in meiner TwitterTimeLine kurz das Thema Poesiealbum auf. Da ich meine Tagebuch/Poesiealbumsschublade gerade parat liegen habe brauchte ich heute nur nach links greifen – und schon hatte ich meine beiden Alben in der Hand.
Danke an @cloudette_ und @MrsCgn für die Anregung nach langer Zeit durch meine Alben zu blättern.

Die älteren werden Poesiealben bestimmt noch kennen.
So mit 11 oder 12 ging es los, kleine, quadratische Büchlein (meistens mit gepolstertem Stoffeinband) mit leeren Seiten wurden in der Schule herumgereicht mit der Bitte, eine Kleinigkeit zu schreiben. In den Ecken oder oben auf der Seite stand hauchfein mit Bleistift die Stelle wo wer reinzuschreiben hatte, damit auch ja niemand vergessen wurde.
Lehrpersonen wurden ebenso einbezogen wie Verwandte.
Poesiealben hatten nur die Mädchen. Jungs hatten diese fertig vorgedruckten Bücher „Meine Schulfreunde“, wo einige Fragen wie Lieblingsessen und Lieblingslehrer beantwortet werden sollten.

Wir nannten die Alben „Pösi“-Album oder nur „Pösi“ – mit der Betonung auf dem Ö.

Meine Mutter erzählte, dass früher Sinnsprüche, manchmal auch Bibelsprüche hingeschrieben wurden, natürlich in allerallerschönster Schrift, dazu ein oder zwei Oblatenbildchen* – fertig war der Eintrag.

Poesiealbuminnen

Innenseite mit Kinderbild von mir und den typischen Oblatenbildchen

Und so war es auch zu meiner Zeit, wobei es keine Bibelsprüche mehr gab, dafür querbeet alles was das Herz begehrt an Sinnsprüchen, Weisheiten und typischen Poesiealbumsprüchen. Oblatenbildchen waren nicht mehr „in“, die meisten haben selber gezeichnet, gemalt – oder Aufkleber dazu geklebt.

„Sei immer froh und heiter wie der Spatz aufm Blitzableiter“
„Wenn Regentropfen leise an Dein Fenster klopfen, dann denke leis bei Dir, das sind Grüße von mir“
„Sobald man in einer Sache Meister geworden ist soll man in einer neuen Schüler werden“

Ich hatte zwei solcher Büchlein.
Meine Eltern schenkten mir eines zum 7. Geburtstag, und ihre Einträge sind die ersten. Danach folgen Onkel und Tanten, Großeltern und Familienfreunde. Das Album wurde schnell ein sehr persönliches Büchlein mit Fotos oder Zeichnungen. Und es war mir lieb und teuer, und ich wollte nicht, dass es in falsche Hände gerät.
Da ich in meiner Klasse keinen guten Stand hatte war es mir zu riskant. Außerdem war damals die Zeit der Filzstifte groß und auch die Mode Ecken umzuknicken – und mein geheiligtes Büchlein sollte sicher und wohlbehütet bleiben.
So gab ich es nur an die Lehrer und Lehrerinnen weiter.
Von 1988 bis 1991 war das Album verschollen: es wurde mir nicht mehr zurückgegeben, die Person zog weg und war nicht mehr erreichbar. Ich weinte bittere Tränen und war sehr enttäuscht. Durch Zufall traf die Person meinen Vater und gab ihm etwas später das Buch verspätet wieder. Ich weiss noch, dass ich gegrinst habe wie ein Honigkuchenpferd und sehr glücklich war.
1997 (mit mittlerweile 21) gab ich es an zwei sehr sehr gute Freundinnen weiter und ihre Texte sind auch die letzten Einträge.

Poesiealbum2

Doppelseite von 1987, mit Bleistiftzeichnung

Das andere Büchlein wanderte bei mir wie bei allen anderen durch die Klasse und wurde fleißig befüllt, es wurde wider Erwarten auch pfleglich damit umgegangen. Irgendwie ist ein Poesiealbum schon etwas besonderes gewesen. Die meisten gaben sich auch große Mühe mit ihren Einträgen.
In der Oberstufe war ich Patin einer 4. Klasse, und ich musste in sehr viele Alben schreiben. Als die Kinder mitbekamen, dass auch ich ein solches Album habe rissen sie sich förmlich darum hineinschreiben zu dürfen.
Es ist innen sehr bunt, voller Aufkleber, Kinderzeichnungen und und und und.

poesiealbum3

Eintrag einer Mitschülerin

Beide Poesiealben sind Erinnerungen, sind „Vergissmichnicht“ und sie durchzublättern war komisch. Der Zahn der Zeit hat ordentlich genagt und die Seiten sind vergilbt und ich musste sehr vorsichtig sein damit sie nicht zerbrechen.
Fast schon eine andächtige Stimmung.
Und gerade bei dem „ErwachsenenAlbum“ musste ich mich schon das ein oder andere Mal räuspern.

Gibt es so etwas heute eigentlich noch, klassische Poesiealben?

 

 

 

*Oblatenbildchen sind Papierbilder, die aus Bögen ausgeschnitten wurden, wo mehrere Bildchen mit kleinen Papierlaschen zusammengehalten wurden. In der Wikipedia steht hier ein guter Artikel dazu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Glanzbild

NaBloPoMo Tag 26 – Schulzeit

10 Tage Schreibpause taten mal ganz gut, war nicht geplant, aber die Tage rauschten so vorbei. Ich hatte einfach keine Lust was zu schreiben, auch wenn das ein oder andere Thema durchaus interessant ist. Vielleicht „benutze“ ich eines der Themen später mal.

#26 Schulzeit – Wenn du noch einmal in der Schule wärst, gibt es eine Sache, die du besser können möchtest? Gibt es etwas, was du bereust nicht richtig gelernt zu haben?

Wenn ich nur das Wort Schule höre sträuben sich mir alle Nackenhaare. War keine schöne Zeit und hat tiefgreifende Folgen bis heute – aber das soll nicht Thema sein. Ich würde andere Dinge (außer „Schulstoff“) nochmal anders machen wenn ich zurückgehen könnte…

Ich war in der Schule immer eher unteres Leistungsdrittel. Gab es eine Vier oder Fünf war es meistens meine, und trotzdem hab ich mich irgendwie mit ‘nem knappen Dreierschnitt zum Abitur gewurstelt. Ich würde nicht sagen dass mich der Schulstoff nicht interessiert hat, aber die Umstände in der Schule machten mir ein freies Lernen praktisch unmöglich. Meine Stärken und Interessen waren auch eher nicht relevant, mit Kunst und Musik lässt sich halt nicht so viel anfangen…

Nach dem Abi hab ich gemerkt dass mir doch so einiges fehlt. Wenn mich jemand auf Englisch nach dem Weg gefragt hat hab ich Panik bekommen, gestottert und konnte nicht antworten. Keine Worte, keine Ahnung – englische Texte oder gar Fernsehen? Keine Chance. 8 Jahre Französisch, davon zwei Jahre LK: null Plan, ich kann nicht mal Brötchen kaufen gehen auf Französisch. Bei einem Urlaub in der Nähe von Bordeaux ist mir richtig bewusst geworden dass ich GAR NIX mitbekommen habe. Ich kann wohl „der kleine Prinz“ oder was vereinfachtes von Sartre lesen, evtl. auch einfache Zeitungstexte – alles andere geht nicht.
Das hat mich schon etwas geärgert, weil ich das alles in der Schulzeit praktisch „geschenkt“ bekommen hätte wenn… ja. Ich hätte wohl auch fleißiger sein müssen.

Ich habe mich davon trotzdem nicht abhalten lassen und habe an der Volkshochschule Hebräisch angefangen zu lernen, und ich war interessiert dabei und angenervt von all denen, die keine Lust hatten zu lernen. Dran geblieben bin ich aber auch nicht.

Ich hatte das Glück – oder Pech? – mein Studium nach 11 Semestern hinzuschmeißen und nochmal komplett von vorne anzufangen. Mit einer Ausbildung inklusive Berufsschule mit Blockunterricht. Und da hab ich einiges wieder „gut“ gemacht was ich 10 Jahre vorher versaut hab. Diesmal habe ich Vokabeln gelernt und Gesetzestexte – und es hat Spaß gemacht. Vor allem wenn dann die Belohnung anhand guter Noten kam. Ich habe auch die Chance genutzt eine neue Sprache „mitzunehmen“. Nach der Berufsschulzeit hab ich nicht weitergemacht damit, aber das ist auch nicht schlimm.

Mit Englisch habe ich mich „versöhnt“. Die Unsicherheit nichts zu können bzw. wieder rumzustottern ist weg. Es steht kein Lehrer mehr vorne der mich auslacht und vor der ganzen Klasse bloßstellt. Und der befriedigt lächelnd die Fünf in sein Buch einträgt.

Mein Mann schaut Serien, Filme und youtube und was weiß ich ausschließlich auf Englisch. Ich konnte mich dem auf Dauer (wir sind seit 13 Jahren oder so zusammen) einfach nicht entziehen, und ich hörte immer zu und mittlerweile merke ich nicht mal mehr ob es deutsch oder englisch ist was ich höre. Oder sehe. Und ich chatte durchaus auch auf Englisch, etwas holperig anfangs, aber das ist ja egal solang sich beide Seiten verstehen.

Und innerlich habe ich dabei immer den Mittelfinger oben und denke mir oft „Du Drecksarschwixer[restzensiert], ICH kann sehr wohl englisch, krepier einfach“