„cancer“ ist eben nicht dasselbe wie scheisse oder nervig

„Lunara ist echt cancer“. „This shit gives me cancer“.
Ersten Satz hab ich heute in einem Stream vom Streamer gehört, der zweite ist Standard in englischsprachigen Chats, ich lese ihn praktisch täglich. Und jedes Mal schreibe ich WARUM das totaler Mist ist, manchmal wird sich dann ganz erschrocken entschuldigt, meistens allerdings kommt als Antwort so etwas wie „heei, it is funny“ oder „whow, fuck the political correctness“

Ich habe keine Lust mehr es immer und immer wieder zu erklären.

Dieser Text richtet sich an alle, die (gedankenlos) „cancer“ sagen, aber scheisse/nervig/ätzend meinen.

Vielleicht verstehst Du, dass Krebs wirklich alles andere als eine passende Bezeichnung für scheisse etc. ist wenn Du das hier alles gelesen hast.

Ich vermute, Du hattest bisher noch nicht das „Vergnügen“ mit der Krankheit Krebs in Kontakt zu treten. Deine Freunde und Familie blieben bisher verschont, oder Du warst noch zu klein um irgendetwas zu verstehen. Und Du selber hattest sowieso noch nie damit zu tun.
Du benutzt „cancer“ locker aus der Hüfte um zu sagen dass Dir etwas auf die Nerven geht, Du etwas scheisse findest.
Klar, Krebs ist ja auch scheisse. Keine Frage.

Aber ich glaube Dir ist nicht klar was es bedeutet Krebs zu haben.
Nervig ist Krebs vielleicht, ganz vielleicht für sehr entfernte Bekannte. Für die, die nichts mitbekommen. Für die, die angepisst sind weil es Dir wieder nicht gut genug geht um abends auf den Kiez zu gehen.
Wenn Du selber Krebs hast sieht es anders aus.

Wenn Dir ein Arzt sagt „Mh, da ist etwas, das sieht nicht gut aus, wir müssen weiter schauen“. Dann sackt Dir Dein Herz in die Magengegend. Und sofort denkst Du „Lass es bitte kein Krebs sein. Bitte Bitte“.

Die Diagnose selber zieht Dir dann den Boden weg.
Einfach so.
Peng, mitten in die Fresse.

Schlagartig ist (erstmal) alles auf den Kopf gestellt.

Du weißt, Krebs kann tödlich sein. Du hast schon mal von Chemotherapie gehört, von Bestrahlung, von Operation. Du hast die Bilder von haarlosen Kindern in den Zeitungen oder im Fernsehen gesehen. Und Du erinnerst Dich daran dass Du jemanden kennst der jemanden kennt der an Krebs gestorben ist.
Und dann kommt da die Angst. Was passiert nun? Wie schlimm ist es? Ist es schon zu spät? Wie lange hab ich noch? Warum?
Deine Gedanken drehen frei.
Wenn Du Glück hast hast Du nen Arzt der Dir die Diagnose menschlich und ein wenig mitfühlend mitteilt. Der Dir vielleicht die Hand auf die Schulter legt und Dir sagt „hei, das ist machbar“.
Vielleicht klatscht man es Dir auch einfach nur an den Kopf und geht aus dem Zimmer.

Uff. Krebs.

Plötzlich ist das Thema Tod da. Mit allem was dazu gehört.

Es kann sein dass du unfassbar Glück hast und eine OP ausreicht. Dass man es schafft den Dreckskrebs wegzuschneiden und keine weitere Behandlung notwendig ist.
Vielleicht sieht es nicht so gut aus. Und man hält eine Chemo vielleicht doch für angebracht.
Und dann kotzt Du tagelang.
Kannst manches nicht mehr riechen oder essen.
Dir fallen die Haare aus.
ALLE Haare.
Dein Immunsystem geht in den Keller.
Dein Zahnfleisch wird wund und Essen wird eine Qual.
Und dabei immer die Angst dass es nicht reicht.
Die Angst dass der fucking Krebs gestreut hat, dass Du trotz der Schinderei krepierst.

Nach dem ganzen Scheiss ist nicht alles wieder Friede Freude Eierkuchen.
Du hast vielleicht (erstmal) überlebt.
Das Ganze hat Dein Leben aber verändert.
Egal ob Du ne dicke fette Chemo bekommen hast, oder dieser Kelch an Dir vorrüberging. Egal ob ne kleine oder eine große OP nötig war.

Solche Dinge sind nie folgenlos.

Die Angst der Krebs könnte wiederkommen ist von nun an irgendwie ein stiller Begleiter, immer wenn Blut abgenommen wird, bei jeder längeren Magendarmgrippe und und und.
Vielleicht kannst Du nun keine Kinder mehr zeugen oder bekommen.
Vielleicht musst Du nun bis ans Lebensende Medikamente nehmen weil Organe fehlen oder beeinträchtigt sind.
Vielleicht trägst Du nun eine Prothese.
Vielleicht bekommst Du nun Schweißausbrüche wenn Du nur einen Tropf siehst.
Vielleicht „funktioniert“ Dein Körper nicht mehr so verlässlich wie vorher.

Wie auch immer: Der Krebs macht etwas mit Dir.

Und wenn Du das alles als Angehöriger oder Freund miterlebst – es ist große Scheisse.
Du willst nicht dass es dem anderen schlecht geht.
Du lebst in Dauersorge.
Du willst für ihn da sein, Du kümmerst Dich. Du nimmst Dich zurück.
Als Kind steckst Du zurück, Du willst Mama oder Papa nicht verärgern, es könnte ja alles verschlimmern. Es verändert das Eltern-Kind-Verhältnis nachhaltig.

Und bei der ganzen Scheisse findest Du „cancer“ ist eine passende Umschreibung für „das geht mir auf die Nerven“?
So wie ein Pickel am Arsch?
Wirklich?

Lass es einfach sein.
Benenn die Dinge wie sie sind: kacke, nervig, scheisse, ätzend, verfickter Drecksmist – Deiner Kreativität sind da kaum Grenzen gesetzt.

Sexuelle Vorlieben, Geschlecht, Herkunft und Eigenschaften eines Menschen sowie Krankheiten und Behinderungen sind jedenfalls absolut ungeeignet.

Es sei denn Du möchtest ein Arschloch sein. Dann mach weiter wie immer.

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Moin

Diesen kleinen Text über unser Moin möchte ich dem Aleksander Knauerhase widmen, der gerade einige Wochen im Norden verbrachte und ein wenig „vermoint“ wurde – und natürlich auch allen anderen Südlichtern, die sich an unserem Moin erfreuen.
Als ich diesen Text schrieb habe ich laut mit mir selber gesprochen, mich begrüßt und mir zugenickt. Und ich grinse immer noch.
Und ja, es ist alles in Ordnung mit mir.

Ihr Südlichter seid amüsiert von unserem Moin.
Ihr lächelt und benutzt es fleißig wenn Ihr hier seid, immer.
Weil moin sagen tun wir hier im Norden zu jeder Tages und Nachtzeit.
Denkt Ihr.
Stimmt auch eigentlich.

Aber!
Was Ihr nicht wisst – und daran erkennen wir Euch sofort – ist, dass wir diesem kleinen Moin eine Geschichte mitgeben. Herz, Seele.
Und jeder andere Einheimische wird dieses Moin sofort verstehen und „richtig“ antworten.

Moin ist nicht gleich Moin.
Es gibt lange Moins in diversen Tonhöhen und Melodien. Als Erstbegrüßung und als Antwort.
Und es gibt kürzere Moins, aber die sind eher unüblich und wenn dann eher Fremden gewidmet, oder offizielleren Gesprächen.
Wir Norddeutschen haben eine gewisse Grundruhe, eine gewisse Gemütlichkeit. Da passt ein kurzes knappes Moin nicht.
Entsprechend ruhig und bedächtig ist unser Moin.

Mit unserem normalen, langen Moin fragen wir unser Gegenüber immer wie es ihm geht, ob alles ok ist. Und wir teilen gleichzeitig mit wie es bei uns ausschaut. Oft mit einer kleinen Handbewegung: Daumen, Zeige- und Mittelfinger grüßen fast unauffällig mit, dazu kommt die passende Kopfbewegung, bei der Begrüßung meistens ein kleines Nicken von unten nach oben.

Wir antworten auf ein Moin ebenfalls mit einem Moin, ja, wer hätte es gedacht.
Oft verbunden mit einem „jo“. Also „jo, Moin“, meistens ebenfalls mit dieser kleinen typischen Handbewegung und der passenden Kopfbewegung.
Wiegen wir z.B. leicht den Kopf dabei ist es bei uns eher so lala, durchwachsen, mittelprächtig. Nicken wir auch von unten nach oben grüßen wir freudig zurück und meistens geht es uns auch ok bis gut.
Schauen wir beim Moin weg sind wir genervt oder ablehnend oder uns geht es eher nicht so gut und wir wollen auch nicht wirklich Kontakt.

Es gibt viele Feinheiten, die schwer zu erklären und für Fremde schwer zu lesen sind.

Dazu kommt immer: wer fragt wen, wie ist das Verhältnis zueinander.
Kennen wir unser Gegenüber schon ewig ist das Moin viel komplexer als wenn wir irgendwo an der Kasse stehen und die Kassenkraft begrüßen. Aber selbst da steckt in dem Moin ein klein wenig „Persönlichkeit“.
Weil eigentlich sind wir Norddeutschen ja eher gemütlich und ortsgebunden, und selbst Mitarbeiter in der Bank oder an der Kasse „kennen“ wir.

Es gibt durchaus „Gespräche“, die in etwa wie folgt ablaufen:
„Moooin“
„Jo, moin“
„naaa?
„jo“
[Dann evtl. kurz knapp ein Thema]
„Na denn, tschüß ne“
„jo, tschüß“

Wenn jemand Moinmoin sagt kommt als Antwort selten ein Moinmoin.
Zwei Moinmoins treffen eher nicht aufeinander.
Auch etwas, was typisch für Touristen ist.

Ja, so ein „Moin“ ist schon komplex, das hättet Ihr uns kühlen Norddeutschen nicht zugetraut, hm?

Aber falls es Euch tröstet:
Wenn Ihr lange genug hier seid werdet ihr die Moins immer besser lesen können und ehe Ihr es merkt wird Euer Moin ebenfalls mehr sein als nur ein Wort.

Und wir nehmen es Euch nicht krumm wenn Ihr Euch da evtl. schwer tut oder Euer Moin inflationär überall rumkrakeelt.

Uns bringt so schnell nichts aus der Ruhe, und unser Schmunzeln ist nicht böse gemeint.