Das Alter…

Dieser Text ist so etwas wie eine Antwort auf den Text von @makellosmag „Das war alles leichter mit 23“

Meine Mutter stellte zu meinem Geburtstag fest „Mensch Du bist ja jetzt auch schon 41“.
Ja, und?
Das ist nur eine gottverdammte Zahl.
Ich konnte mit diesem „Oh Gott, ich werde 20/30/40“-Panikgetue nie etwas anfangen. Ob 19 oder 20, 29 oder 30 – wo ist da der Unterschied. Was ändert sich denn von 29 auf 30? NIX. Der erste Tag mit 30 ist genauso gut oder genauso scheisse wie der mit 29.

In 9 Jahren bin ich 50.
In 19 Jahren bin ich 60.
Und das ist ok.
Wenn ich dann noch lebe.

Alt werden ist nicht schlimm.
Ich fand es nie schlimm und ich finde es immer noch nicht schlimm.
Wir sind nicht unsterblich, und der Verfall beginnt letztendlich schon mit der Geburt. Wir bejubeln das Erwachsenwerden von Kindern und verdrängen dabei, dass das schon deutliche Schritte hin zum Ende sind. Erst wenn von außen festgestellt wird dass Anzeichen xyz nicht erwünscht ist kommt die Panik. Da wird das Älterwerden plötzlich nicht mehr bejubelt und gefeiert.

Klar, manche Dinge sind mehr so einfach wie sie mal waren.
Mal eben eine Nacht durchmachen? Äääähm nein – spätestens um 3 ist Schicht im Schacht, und ich brauche einige Tage um mich davon zu erholen. Schade.
Auch dass meine Reaktion nicht mehr die einer 15jährigen ist finde ich blöd. Schnelle Spiele bzw. Charaktere in Spielen sind eher nicht mehr meines, ich komm da nicht mehr mit.
Kleinere Zipperlein tauchen auf, der Körper braucht für alles ein wenig länger und für vieles etwas mehr Erholung.
Aber gut, kann ich mit leben, es ist zwar schade, aber kein Weltuntergang.
Wechseljahre – zwangsweise abgehakt. Aber das ist ja so oder so ein Tabuthema, wird nur drüber getuschelt.
Schaue ich in meine Hände sehe ich das Alter. Es fasziniert mich wie runzelig Fingerkuppen und Handflächen werden können.
Graue Haare hab ich keine – ich werde silberweiß.
Und ich glaube das wird mal eine verdammt coole Haarfarbe.
Nix eisengrau – weiß silbrig. Da wird nix weggetönt oder blondiert, nee.

Ich ärgere mich wenn ich mal die Glotze anmache oder eine Illustrierte in die Hände bekomme.
Die Leute sind irgendwie alle glatt.
Jung, junggeblieben oder junggespritzt.
Alte Menschen sind wenig zu sehen. Vielleicht in Reportagen über Pflege, oder in der Apothekenumschau, oder es ist die Queen samt Ehemann.

Du musst nicht alt sein, man kann was dagegen tun, hier die Creme, da das Botox, und Straffen hier und Färben da. Keiner muss alt aussehen, alle sind wir jung und spritzig.
Alt sein wird als Makel verkauft.
Spuren des Lebens sind unerwünscht.

Was ist schlimm daran Falten im Gesicht zu haben? Graue Haare zu haben?
Was ist schlimm daran dass die Haut schlaff wird und die Brüste anfangen zu hängen?
Warum müssen wir immer und immer wieder beweisen dass wir sexy, hübsch und “optisch ansprechend“ sind?
Männer mit grauen Haaren und sichtbarem Alter sind lebenserfahren, stark, attraktiv. Frauen sind dann abgehalfterte Schabracken, unsexy und eine Zumutung. Und es wird gleich nachgeschoben dass Frau XY aber gerade voll toll etwas an sich hat machen lassen und schaut mal wie super sie wieder ausschaut.
Die Frau als Objekt.
So wie Mann sie gern hat: Sexy, knackig und jung. Und so lange wie es geht spielt Frau dann mit und unterwirft sich diesen Anforderungen, aus Angst nicht mehr beachtet oder gar „ersetzt“ zu werden.

Ehrlich, geht’s noch?
Was ist das für ein Spiel?
Warum zur Hölle sollen wir uns für unsere Falten schämen?
Warum können wir nicht einen gewissen Stolz haben und auch zeigen dass wir gelebt haben und uns nicht krampfhaft verjüngen?
Warum diese Lüge der „ewigen Jugend“?

Ich zocke gerne am Computer.
Ich höre gerne laute Musik.
Ich hasse Schlagermusik.
Ich fluche.
Und ich werde es auch morgen noch tun, und übermorgen und in 10 Jahren.
Und ich bin 41 und sehe auch so aus.
Und ich werde es auch nicht ändern.

Denn sie wissen was sie tun

Vor einigen Tagen nahm sich ein Twitterer das Leben.
Und viele Twitterer die ihn kannten und auch viele die ihn nicht kannten nahmen daran Anteil. Im Grunde eigentlich eine tolle Sache, viele erwähnten auch, das Twitter ja doch auch gut sein könnte.

Ich hatte von Beginn an kein gutes Gefühl. Aber nicht, weil sich da jemand das Leben nehmen wollte und es letztendlich auch getan hat.
Sondern weil manche Tweets so typisch, so vorhersehbar und nicht wirklich schön waren. Gut gemeint ist halt nicht unbedingt immer gut.
Natürlich nehmen viele Anteil, und natürlich macht es viele betroffen, keine Frage, das ist auch ok so. Was ich von kollektiven Anteilnahmswellen und Hashtags à la #ripxy  oder #wirfürxy halte spielt hierfür keine Rolle.

Was ich so schal und bitter finde ist schlicht:
„melde Dich“ “Wir sind doch für Dich da“ „Denk an deine Familie“ „Wirf Dein Leben nicht weg“ „das kannst Du nicht machen, Deine Familie“ „Hättest Du was gesagt“ „Du kannst doch mit mir reden“
Solche Texte sind ein Schlag ins Gesicht. Sie unterstellen, die Person hätte sich keinen Kopf gemacht. Die Person wäre leichtfertig, unüberlegt, egoistisch, ignorant.
Tweets mit Unverständnis, Unterstellungen, Anklagen, Vorwürfen.
Ernsthaft – geht’s noch?

Jemand, der nach vielen Jahren mit Schwarzem Hund oder Dunklen Wolken sich entscheidet zu gehen, tut das bestimmt nicht „einfach so“ oder „aus Jux“. Die Person hat vermutlich lange versucht an die Familie zu denken. An den Job, an die Kumpels. An das Funktionieren. An das Stark sein. Hat vermutlich oft genug gegen die Gedanken zu gehen angekämpft. Hat versucht sich Wegpunkte zu setzen, Lichtblicke, Routinen.

Aber manchmal – manchmal reicht das alles nicht, nicht mehr.
Manchmal ist der Akku einfach leer. Und zwar unaufladbar leer.
Stellt Euch eine Kurve vor, auf der es immer hoch und runter geht, so eine Kurve zeichnet den „normalen“ Ablauf: Gute Tage, schlechte Tage, neutralere Tage. Auf schlechte Tage folgen gute, das gibt Kraft und in der schlechteren Phase zehrt man davon. Und unterm Strich passt es.
Es kann nun passieren, dass die guten Phasen immer kürzer und immer schlechter werden. Die daraus gewonnene Energie reicht immer weniger um die schlechten Phasen zu überstehen. Sie werden länger und vielleicht auch tiefer. Das ist ein Prozess, der dauert meistens Jahre. Therapien, Krisenintervention etc. pp können den Level wieder erhöhen, gute Zeiten können wieder Kraft geben – aber es ist oft nicht für immer. Ein Akku brennt irgendwann aus. Es gibt Menschen, denen reicht dieses „Anschubsen“, und der Akku hält und sie werden alt und glücklich. Und es gibt Menschen, bei denen reicht es nicht. Bei denen ist die Energie irgendwann weg.

Was ist daran verwerflich?
Was ist schlimm daran?

Warum muss der Mensch ununterbrochen kämpfen, warum ist es seine Pflicht immer zu kämpfen?
Warum dieses „wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren“.
Wer weiß schon, wie viele Kämpfe der andere schon gekämpft hat? Vielleicht tägliche?
Und warum darf man nicht verlieren? Was ist so schlimm daran?
Und wieso ist es überhaupt verlieren? Wenn eine Erkenntnis in einem reift dass es nicht reicht? Vielleicht es ist es ein Gewinn? Ein Gewinn an Selbstbestimmung und Autonomie, vielleicht ist es eine Befreiung aus dem starren System des Starkseinmüssens, des Gewinnenmüssens, des Fremdbestimmtseins und des Anpassens

Das letzte autonome was ein Mensch tun kann ist sich das Leben zu nehmen. Denn das tut er in der Regel allein und für sich.
Wo bleiben der Respekt vor demjenigen, der die Entscheidung trifft und die Akzeptanz der Entscheidung?

Sich das Leben zu nehmen ist ganz unheroisch und braucht nicht hochstilisiert oder verdammt zu werden. Es ist kein Seelenheil und nichts was gefeiert und zelebriert werden muss.
Es ist schlicht und einfach einfach die unheldenhafte Entscheidung nicht mehr zu wollen.
Vielleicht ein wenig feige, vielleicht ein wenig mutig.

Wisst ihr, dieses Starkseinmüssen, dieses Nichtverlierendürfen ist das, was einem oft Kraft raubt.
Immer für andere da sein, nach deren Regeln leben, deren Anforderungen erfüllen. Sie nicht verletzen. Gesellschaftliche/soziale Normen erfüllen. Fehlender erfahrener Respekt, fehlende Achtung und fehlende Anerkennung.
Das alles kostet so viel Kraft und Energie.

Und
wer seid Ihr, die ihr beurteilen könnt wann der andere keine Kraft mehr haben darf?
wer seid ihr, dass ihr Leute krampfhaft festhalten wollt. Weil „es gibt doch noch so viel Schönes“?
wer seid Ihr, dass ihr Euer Leben, Eure Regeln als das Maß der Dinge setzt und anderen dieses aufzwingt?
wer seid Ihr, dass Ihr denkt mit Euch zu reden würde (auf Dauer) etwas ändern?
wer seid Ihr, dass Ihr denkt wenn der andere „nur was gesagt hätte“ wäre alles anders gekommen?
wer seid Ihr, dass Ihr über Leben und Tod anderer entscheiden können wollt?
Das ist übergriffig.
Es ist übergriffig die Polizei zu rufen, wenn eben KEINE Affekthandlung vorliegt oder der Tod nicht als Druckmittel benutzt wird.
Es ist übergriffig zu erwarten dass der andere nur etwas sagen muss.
Ihr spielt Gott. Und das steht Euch nicht zu.
Ihr seid nicht Gott.
Und Ihr seid nicht Jesus, der angeblich Leute heilen konnte.
Und mit einem „Du hättest doch mit uns/mir reden können“ stellt Ihr Euch in den Vordergrund, IHR seid auf einmal wichtig, das Augenmerk liegt auf Euch, IHR seid „fein raus“.
Merkter was?

Vielleicht passt es nicht in euer Weltbild, dass jemand eben nicht mehr kann. Und nicht mehr will. Es gehört sich nicht, das Geschenk des Lebens wegzuwerfen. „Man macht das nicht“.
Dafür erwartet Ihr einen verdammt hohen Preis: u.U. eine jahrelange Selbstaufgabe.
Ihr möchtet nicht konfrontiert werden damit, dass andere nicht funktionieren. Nicht so funktionieren wie Ihr, wie es die Gesellschaft möchte.
Vielleicht wollt Ihr den Schmerz nicht spüren, den ein Verlust mit sich bringt.
Vielleicht habt Ihr Angst, dass Ihr erkennen könntet dass es Euch auch nicht gut geht.
Vielleicht macht es Euch Angst, dass andere keine Angst vor dem Tod haben.
Vielleicht wollt Ihr Euch nicht hinterfragen was schiefgelaufen sein könnte.
Vielleicht wollt Ihr nicht hinterfragen ob Ihr vielleicht direkt oder indirekt Anteil daran gehabt haben könntet.
Ich rede nicht von Schuld. Schuld ist ein zu schweres, zu großes Wort.
Ich rede von den typischen normalen Alltagsmomenten, die von Funktionieren und wenig Sensibilität gekennzeichnet sind, vom selbstverständlichen Fehlen von Safespaces, dem üblichen „ach komm schon“.
Und wenn wir ehrlich sind: wir stecken da alle mehr oder weniger mit drin.

Schaut Euch doch mal um, in Eurem Freundes- Familien- und Bekanntenkreis – oder bei Euch selber.
Wie geht es Euch eigentlich? Und den anderen?

Wisst ihr – was mich bisher im Leben gehalten hat war das Wissen um diese letzte Option.
Das Wissen dass ich immer noch gehen kann. Vielleicht nicht heute, denn vielleicht gibt es hier und da noch was zu erledigen. Aber vielleicht morgen. Oder übermorgen, oder irgendwann. Oder gar nicht.
Es macht gelassen, fast schon cool. Weil „ich kann gehen wenn ich will“.
Dieses Wissen, diese Gelassenheit ist ein Ventil und nimmt so unendlich viel Druck, das könnt Ihr Euch vermutlich nicht vorstellen.

Und wenn ich für mich irgendwann mal diese letzte Entscheidung treffen sollte, dann hat das seine Gründe und ist gut überlegt. Und dann verbitte ich mir jegliche Einmischung und ich bitte darum, dass diese letzte Entscheidung schlicht respektiert wird.

Ich weiß was ich tue.

Wir sollten mal über den Tod reden – oder: wie hättest Du eigentlich gerne Deine Beerdigung?

Vor drei Jahren bin ich bei einem kleinen Eingriff fast gestorben.
Ein Asthmaanfall hat mich für einen Tag in den Zwangstiefschlaf auf der Intensivstation befördert, inklusive „Neustart“ von Leber und Nieren und einer Blutvergiftung.

Uff, das kann echt schneller gehen als gedacht. Ich war ziemlich schockiert. Ich hab zwar keine Angst vor dem Tod und habe da an sich auch kein Problem mit – aber so „unvorbereitet“ wollte ich das alles nun doch nicht.

Später, wieder daheim, fing ich an zu überlegen, wie und wo und… na ja, wie eigentlich meine Beerdigung sein soll falls mal was passiert.
Ohne Romantik, ohne Träumerei. Ganz nüchtern.

Und so habe ich ein kleines Dokument auf meinem Desktop abgelegt, „für alle Fälle“, weil – mensch weiß ja nie.
Dort habe ich einige Dinge festgehalten, die ich „gerne hätte“ falls ich plötzlich und unvorhergesehen das Zeitliche segnen sollte. Als Rahmen, als Hilfestellung.
Also Art der Bestattung, wo Beerdigung, Feier wenn ja wie und mit wem und wo. Und was mit meinem Kram passieren soll und und und und.
Mein Mann weiß, wo es im Notfall zu finden ist.

Vielleicht denken nun einige, ich sei morbide oder verrückt oder sowas.
Möglich.
Ich plane gerne.
Und ich habe gerne Gewissheit. Sicherheit – und gebe sie gerne.
Ich denke oft auch an andere.

Leider wüsste ich nicht, wie z.B. meine Eltern oder mein Mann beerdigt werden wollen würden, mein Mann mauert bei dem Thema.
Möchten sie verbrannt werden oder einfach verbuddelt?
Hier, in deren Wohnort oder in deren Geburtsort – oder solls gar eine Seebestattung werden?
Und wie soll der Abschied stattfinden – eher kleiner Kreis, oder doch mit allen? Klassisch schwarz mit Kirche und co – oder bunt, fröhlich und mit Picknick?
Was soll eigentlich mit den SocialMedia-Accounts passieren?
Oder ist es alles total egal und die Angehörigen können tun und lassen was sie wollen?

Für viele ist das Thema scheinbar unangenehm, sie wehren ab, wollen darüber nicht reden und schon gar nicht nachdenken. Ist ja noch so weit hin. Und das Thema würde deprimieren und runterziehen.

Abgesehen davon dass ich es nicht verstehen kann finde ich es auch auf eine Art unfair, wenn mensch seinen Liebsten keinerlei Hinweise hinterlässt.

Zu dem Schmerz, der Trauer, dem Schock kommt dann die Ratlosigkeit was zu tun ist. Und die Überlegungen kosten dann sicherlich Ressourcen, die nicht vorhanden sind, bzw. Kräfte die für anderes gebraucht werden. Und vielleicht gibt es auch Familienangehörige, die versuchen „ihre Vorstellung“ durchzusetzen weil „wir wissen was xy gewollt hätte“ oder Bestattungsunternehmen die einem einreden wollen dass „DAS gerade das beste sei, und so eine Bestattung sei unüblich und wolle man nicht lieber das und das“…

Ich möchte, dass mein Mann sich über solche Dinge keinen Kopf machen muss.
Zumal meine Eltern sicherlich andere Vorstellungen hätten als er oder ich.

Weißt Du wie Deine Eltern; Geschwister oder Liebsten beerdigt werden wollen?
Wissen sie wie Du es gerne hättest?
Sprecht mal darüber, ganz nüchtern, wertfrei.

Anlässe gibt es ja immer wieder. Wo entfernte oder nahe Bekannte plötzlich sterben – oder sehr schwer erkrankt sind und das Thema Tod unweigerlich sehr schnell aktuell werden wird.